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Diese Autos schuldet Ihr uns noch.

Angesichts ihres krankhaften Festklammerns am Verbrennungsmotor ist die Autoindustrie, wie wir sie kannten, dem Untergang geweiht. So ist jedenfalls vielerorts zu lesen, und wenn es nur oft genug geschrieben steht, muss es ja irgendwann auch so sein. Aber bevor die Nachlassverwalter das Heft in die Hand nehmen, gilt es noch, ein paar alte Rechnungen zu begleichen. Ein halbes Jahrhundert lang, in der Zeit, in der es noch große Automessen gab, habt Ihr uns mit Studien und Concept Cars den Mund wässrig gemacht, uns mit aufregenden Keilen, fliegenden Pfeilen und rustikalen Kanthölzern an der Nadel gehalten. Aber all diese Träume auf Rädern blieben Verheißungen und wurden nie realisiert. Zeit, eure Schulden abzuarbeiten.

Teil 1. Ferrari 512S Modulo.

Als das Jahr 1970 anbrach, war die italienische Welt noch in Ordnung. Die Squadra Azzurra würde in Mexiko Weltmeister werden, und ein Ferrari 512S in Le Mans gewinnen. Aufgegeilt vom Fünfliter-V12 aus Maranello hackte Pininfarinas Chefdesigner Paolo Martin einen Keil aus seiner Phantasie, der die kurvigen, Räder und Fahrgastzelle umspielenden Karossen der Sechziger mit einem Fausthieb vom Tisch fegte und das Sportwagendesign in die Science-Fiction-Welt katapultierte.

Der 512S Modulo war der Hingucker bei den Autosalons in Genf und Turin, Martin sieht ihn bis heute als sein gelungenstes Werk. Den Le-Mans-Renner 512S gab es klassisch geschlossen oder als Spider mit offener Glaskuppel, der Modulo brauchte keine Türen. Man schob zum Einsteigen Frontscheibe und Dach an einem Stück vom Gesicht. Das war Kampfjet-Style. Alle Räder waren aerodynamisch verkleidet, zugegeben, in Sachen Lenkverhalten war das Geschoss etwas eingeschränkt. Dafür ging geradeaus die Luzie ab.

Mit dem knapp 560 PS starken Renntriebwerk vor der Hinterachse war Tempo 100 nach 3,1 Sekunden erreicht. Topspeed lag bei 350 an. Der Modulo ist so heiß, dass er sich vor einem Jahr bei einer Ausfahrt in Monaco mit seinen vier Endrohren selbst den Hintern anzündete. Italien verlor das WM-Finale in Mexiko gegen Brasilien, und der 512 S gewann nie Le Mans, dort siegte fortan Porsche, aber Martins extreme Vision war Form gebend für das Sportwagen-Design der Siebziger, egal ob es um die flachen Bullen von Lamborghini geht, den Lancia Stratos oder die Keile von Lotus. Schaut mal genau hin, der Esprit, mit dem James Bond 1976 im Ozean abtaucht, ist eigentlich nur ein schwimmender Modulo.

Teil 2. Alfa Romeo Navajo.

Auch der Alfa 33 Tipo wurde als Rennauto mit Mittelmotor konzipiert, wenn auch eine Liga kleiner. Immerhin holte das rote Gerät mit seinem über 10.000 Touren kurbelnden V8 in Le Mans 1968 einen Dreifachsieg in der Zweiliterklasse und schlug auf den Rängen vier bis sechs auch den besten Ferrari. Nach Produktionsende wurde eine Handvoll der 18 raren Stradale-Version zu Design-Studien umgewandelt, von denen aber keine so abgefahren ist wie der Navajo von Nuccio Bertone, auch wenn der aus Zuverlässigkeitsgründen von 280 auf 230 PS gezähmte Achtzylinder nicht die ganz spektakulären Fahrleistungen bot.

Umso wilder ist die Optik. Das Chassis erhielt einen längeren Radstand und eine Pilotenkanzel statt einer klassischen Fahrgastzelle. Dazu passend thront ein Flügelleitwerk über dem Heck. Der unbekannte Filmproduzent George Lucas arbeitete 1976 an einem Weltraumepos namens Star Wars, John Williams lieferte den Soundtrack, Bertone das Auto. Der nach einem Indianerstamm im Südwesten der USA benannte Exot trug eine kantige Fieberglaskarosse in hellem Grau mit rotem Streifen, exakt wie später die X-Wing-Jäger von Luke Skywalker und seinen Mitstreitern oder die Jagdmaschinen vom Kampfstern Galactica, die 1978 in Dienst gingen. Der Navajo indes stand schon 1976 auf dem Genfer Salon und war Bertones Aufforderung an Alfa Romeo, das glorreiche, barocke Zeitalter hinter sich zu lassen und in die Zukunft aufzubrechen.

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