Im Gegensatz zu Konzernen wie BYD, SAIC oder Geely zählt Xpeng eher zur zweiten Reihe der chinesischen Autoindustrie. Nachdem die Marke mit Sitz in Guangzhou und europäischen Standorten in München und Amsterdam mit Fahrzeugen wie dem G6 und G9 erste Achtungserfolge erzielte und die Konkurrenz mit kurzen Ladezeiten zu vergleichsweise günstigen Preisen unter Druck setzte, wird das Modellprogramm nun nach oben und unten erweitert.
Die jüngsten Modelle Xpeng P7+, L03 und insbesondere der Luxusvan X9 rückten die Marke nicht nur durch ihr Preis-Leistungs-Verhältnis stärker in den Fokus. Firmenchef He Xiaopeng hat mit seinem noch jungen Technologiekonzern Pläne, die weit über neue Autos, autonomes Fahren und Elektroarchitekturen hinausgehen. Im Mittelpunkt steht künstliche Intelligenz. Und auch der Luftraum spielt in den Überlegungen eine Rolle.
Der chinesische Automarkt steht seit einiger Zeit stark unter Druck. Wird es dort zeitnah zu der von vielen erwarteten Konsolidierung kommen, oder wird diese noch auf sich warten lassen? Ist die angespannte Situation auf dem Heimatmarkt ein Grund dafür, dass chinesische Hersteller verstärkt nach Europa drängen?
„Ich kann in diesem Fall nur für Xpeng und nicht für die gesamte chinesische Autoindustrie sprechen. Der Markt in China ist derzeit herausfordernder denn je, und das wird aus meiner Sicht noch fünf bis zehn Jahre so bleiben. Der Export nach Europa ist für uns wichtig, damit wir uns breiter aufstellen können. Europa ist dabei ebenso wichtig wie andere Märkte.“
Wird Xpeng künftig eigene Produktionsanlagen in Europa betreiben, oder setzen Sie weiterhin auf den Import von Fahrzeugen, die derzeit überwiegend in den Werken Zhaoqing und Guangzhou in der Provinz Guangdong gefertigt werden? Mit einer europäischen Produktion könnten Sie die Strafzölle umgehen.
„Unser Plan ist es, bis 2030 mehr als eine Million Fahrzeuge außerhalb Chinas abzusetzen. Für Gespräche über die Übernahme von Produktionsanlagen in Europa oder entsprechende Kooperationen sind wir offen und führen diese bereits. Jüngst haben wir eine Fertigung in Indonesien eröffnet, und bald werden wir auch in Malaysia mit der Produktion von Xpeng-Fahrzeugen beginnen.“
Sie haben mit dem Xpeng X9 und dem P7+ nicht nur neue Modelle vorgestellt, sondern beim L03 als „Next-Gen AI SUV Coupé“ auch künstliche Intelligenz in den Vordergrund gerückt. Ist KI ein derart zentrales Element Ihrer Fahrzeuge?
„Wir sehen Xpeng nicht als Autohersteller, sondern als Technologiekonzern, der auch Fahrzeuge produziert und Software entwickelt. Wir leben wirtschaftlich wie technisch in sehr spannenden Zeiten. Von 2015 bis 2020 begann der Wechsel vom Verbrennungsmotor zum Elektroantrieb, der noch immer andauert. Die nächste Revolution ist die künstliche Intelligenz und die Verbindung von Robotik und Automobil. Das ist der große Trend, der uns in den kommenden Jahren begleiten wird.
Es gibt keinen Grund, vor künstlicher Intelligenz Angst zu haben, denn die Technologie soll den Menschen unterstützen und nicht ersetzen. Wir bei Xpeng entwickeln die Werkzeuge, mit denen sich dies erfolgreich umsetzen lässt. Uns ist dabei vor allem der langfristige Erfolg wichtig.“
Der Markteintritt in Europa ist geschafft. Welches sind die größten Herausforderungen und Aufgaben für Ihre Marke in den kommenden Jahren?
„Der Eintritt in die einzelnen Märkte war und ist alles andere als einfach. Wir haben in Deutschland derzeit rund 70 Händler und wollen diese Zahl bis zum Ende des Jahres auf 110 erhöhen, um eine entsprechende Flächendeckung zu erreichen. Viele unserer Partner vertreten auch deutsche Premiummarken, mit denen wir uns messen wollen.
Wir sind aber nicht allein hier, um Geld zu verdienen. Wir wollen die Welt mit unseren Produkten ein kleines Stück besser machen, auch in Europa. Das wird zum Beispiel durch autonomes Fahren gelingen, denn davon kann jeder profitieren.“
Sie betrachten Xpeng als Technologiekonzern und arbeiten seit einiger Zeit auch an Flugtaxis. Sind hier weitere Schritte geplant? Werden wir uns künftig nicht nur mit Autos, sondern auch mit Fluggeräten durch den urbanen Raum bewegen?
„Davon gehe ich nicht aus, denn der Lärm dieser Flugtaxis würde viele Menschen stören. Ich sehe solche Fluggeräte in den kommenden Jahrzehnten eher bei Lieferdiensten und in der Personenbeförderung in ländlichen oder schwer erreichbaren Regionen. Dort könnten sie erhebliche Vorteile bieten.“
Sie waren 2014 Mitgründer von Xpeng. Mittlerweile expandiert das Unternehmen weltweit. Wofür soll Xpeng aus Ihrer Sicht stehen?
„Das ist nicht einfach zu beantworten. Vor Xpeng hatte ich ein eigenes Unternehmen, das schließlich von Alibaba übernommen wurde. Das ist ein wenig so, als würde man seine Tochter in die Hände eines Unbekannten geben.
In Asien steht Xpeng in erster Linie für autonomes Fahren. In Europa wird das etwas anders sein, auch wenn wir hier mit der Zeit ebenfalls autonomes Fahren der Stufen vier und fünf erleben werden. Für mich steht Xpeng in Europa vor allem für intelligente High-End-Technologie, die wir mit unserem Unternehmen anbieten.“
Das Interview führte Stefan Grundhoff