Die erste Fahrt ging nur 30 Meter weit. Anlässlich der Weltpremiere in Mailand fuhr Gernot Döllner den Audi Concept C lediglich auf die Bühne. Heute hat der Vorstandsvorsitzende eine längere Tour mit dem Fahrzeug geplant, das mit seinem radikalen Design einen Ausblick auf die Zukunft des Ingolstädter Unternehmens gibt. Es geht in die italienischen Dolomiten, bei strahlendem Sonnenschein und knackiger Kälte. Und ich bin sein Beifahrer.
Da er den Concept C zum ersten Mal auf öffentlichen Straßen fährt, nimmt Döllner mit breitem Grinsen auf dem Fahrersitz Platz. „Das wird ein spannender Arbeitstag“, lacht er. Ein Tag, der schon ziemlich surreal begonnen hat. Das futuristische Konzeptfahrzeug war zwischen einer beeindruckenden Ehrengarde geparkt: einem Audi TT der ersten Generation, einem R8, einem RS4 und einem Auto Union Typ C, einem Grand-Prix-Rennwagen aus dem Jahr 1936.
Sie alle haben den Concept C beeinflusst, sagt Audi. Doch die Vergangenheit interessiert uns heute weniger. Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Ich bin bereit für einen spannenden Arbeitstag.
Ein Concept Car wie kein anderes
Gernot Döllner ist seit September 2023 CEO in Ingolstadt. Der Concept C ist vielleicht der spektakulärste Ausdruck seines Vorhabens, die Marke neu zu gestalten. Eine seiner ersten Amtshandlungen war es, Massimo Frascella von Jaguar Land Rover abzuwerben und als neuen Designchef zu installieren. Der 54-jährige Italiener ist für die radikal stromlinienförmige Designsprache des Concept C verantwortlich.
Sie steht unter dem Motto „The Radical Next“ und stellt Klarheit als Prinzip in den Mittelpunkt. „Strive for Clarity“ lautet das Motto im Marketing-Sprech. Im Audi-Designstudio in Ingolstadt arbeitet man bereits daran, diese neue Designsprache ab 2027 auf alle Modelle der Marke auszuweiten.
Der Concept C soll jedoch mehr sein als nur eine Designstudie. Er gibt einen Ausblick auf ein elektrisch angetriebenes, zweisitziges Sportcoupé, das eine Lücke in der Modellpalette von Audi schließen soll. Diese ist durch den Wegfall des TT und des R8 entstanden, die beide in den vergangenen zwei Jahren aus der Produktion genommen wurden.
Der Projektname lautet „C Sport“, der endgültige Name des Serienmodells steht noch nicht fest. „Es wird weder TT noch R8 heißen“, blickt Döllner voraus. „Wir suchen noch einen Namen, was immer schwierig ist.“
Während er den Audi Concept C vorsichtig über öffentliche Straßen lenkt, verrät Döllner, dass die Arbeit am entsprechenden Serienmodell bereits begonnen hatte, bevor Frascella im Juni 2024 nach Ingolstadt wechselte. Tatsächlich entstand die Idee innerhalb der ersten sechs Monate von Döllners Amtszeit. „Wenn man eine neue Strategie entwickelt und Dinge in einem Automobilunternehmen verändern will, ist es immer einfacher, dies mit einem Auto zu tun. So kann man den Menschen am besten zeigen, dass es sich lohnt, für diese Veränderung zu kämpfen.“
Sein Plan war, auf der Münchner IAA im vergangenen September einen Prototypen vorzustellen. „Also begann Massimo mit der Entwicklung seiner neuen Designphilosophie und arbeitete sie parallel zu diesem Auto aus. Das ging ziemlich schnell.“
Die Entwicklung des Concept C erfolgte parallel zur Arbeit am Serienmodell. Döllner bestand jedoch darauf, dass der Concept C nicht von einer externen Firma gebaut wurde, wie es oft bei Showcars der Fall ist. Der Prototyp wurde in Ingolstadt von einem Team aus rund 150 Mitarbeitern gefertigt.
„Um ehrlich zu sein, hat mich das Team damit überrascht.“
Döllner forderte von seiner Mannschaft einen funktionierenden Prototypen. „Obwohl die Herstellung wirklich komplex ist, ist das Ergebnis so viel realistischer und hilft enorm bei der Umsetzung des Serienfahrzeugs. Wir hätten eine Chance verpasst, wenn wir den Concept C nicht fahrtauglich gemacht hätten“, begründet er. Und tatsächlich trägt der Prototyp reguläre Nummernschilder. „Um ehrlich zu sein, hat mich das Team damit überrascht“, gibt Döllner zu. „Ich wusste nicht, dass sie es wirklich schaffen würden.“
Der Concept C verfügt über ein funktionsfähiges Fahrwerk, Scheibenwischer, Blinker und Sicherheitsgurte. Eine weitere bereits vorhandene Funktion kommt zum Einsatz, als bei der Tour durch die Dolomiten das Fahrzeug vor uns unvermittelt den Rückwärtsgang einlegt: die Hupe. „Ich wusste gar nicht, dass sie funktioniert“, lacht Döllner. „Gut zu wissen.“
Die Technik des Concept C
Auf den schmalen und kurvenreichen Straßen in den italienischen Dolomiten erreichen wir selten die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h. 145 wären möglich – nicht schlecht für ein Showcar. Dieser Wert ist auch so ziemlich das einzige technische Detail, das Audi bei der Premiere bestätigte. Auch auf Nachfrage lässt sich Döllner nicht zu Angaben über Leistung, Beschleunigung, Batteriegröße oder Reichweite hinreißen. Ebenso verrät er nicht, ob der Concept C eine maßgeschneiderte Prototypen-Plattform verwendet oder eine Version der neuen Sportwagenarchitektur, auf der auch die zukünftigen Elektroversionen der Porsche-Modelle 718 Boxster und Cayman basieren werden.
Gernot Döllner bestätigt immerhin, dass die Batterien beim Concept C hinter dem Cockpit positioniert sind – also dort, wo bei einem traditionellen Mittelmotor-Sportwagen der Verbrenner sitzt. Dies ist eine wesentliche Abweichung von den meisten Elektro-Plattformen, bei denen die Akkus im Fahrzeugboden untergebracht sind. Das deutet darauf hin, dass der Concept C bereits auf der zukünftigen Produktionsplattform basiert.
Durch diese ungewöhnliche Architektur liegt der Concept C deutlich tiefer auf der Straße als die meisten Elektrofahrzeuge. „Die mittige Anordnung der Batterie senkt den Schwerpunkt und rückt die Massen ins Zentrum“, erläutert Döllner. „Dadurch hat der Concept C ein sehr agiles Fahrwerk.“
Ein weiterer Fokus bei der Entwicklung lag auf der Gewichtsreduzierung. Sie ist nach wie vor die größte Herausforderung, um leistungsstarke Elektrofahrzeuge so agil wie Sportwagen mit Verbrennungsmotor zu machen. Chassis und Karosserie des Concept C wurden deshalb weitgehend aus Aluminium gefertigt. Dazu passen zahlreiche Aluminium-Elemente im Innenraum sowie die metallmatte Lackierung der Karosserie. Beim Konzeptfahrzeug hat sich Audi für einen Hinterradantrieb mit einem einzigen Motor an der Hinterachse entschieden. Und dann verrät Döllner doch ein kleines technisches Detail: Der Antrieb des Concept C hat in etwa die gleiche Leistung wie die künftige Einstiegsversion des Serienmodells.
Vom Beifahrersitz aus lässt sich das schwer beurteilen. Als Döllner den Concept C jedoch enthusiastisch in eine Reihe von Kehren wirft, spüre ich die Agilität und Geschmeidigkeit des Fahrwerks, das viel Grip aufbaut.
Angesichts der Tradition von Audi sind auch Versionen mit Allradantrieb und zwei Motoren geplant. „Quattro ist das Herzstück von Audi“, bekräftigt Döllner. „Bei Serienmodellen geht die Entwicklung aktuell allerdings weg vom konventionellen Vorderrad- hin zum elektrischen Hinterradantrieb, weil der Motor nicht mehr zwingend vorne verbaut werden muss.“
Während wir den Berg hinauffahren, surrt der Elektromotor leise vor sich hin. „Wir haben uns für einen natürlichen, etwas kräftigeren Motorensound entschieden“, sagt Döllner. Er lässt durchblicken, dass die Serienversion optional ein mit der Geschwindigkeit synchronisiertes Motorengeräusch sowie ein virtuelles Getriebe bieten wird, das sich per Schaltwippen am Lenkrad steuern lässt – der Hyundai Ioniq 5 N lässt grüßen.
Dieses akustische Feedback wird von vielen sportlich orientierten Fahrern gewünscht. Döllner hat seine Meinung dazu zuletzt geändert. „In den ersten drei oder vier Jahren mit Elektrofahrzeugen war ich der Ansicht, dass sie möglichst leise sein müssen“, gibt er zu. „Aber dann bin ich unsere ersten Prototypen mit virtuellem Getriebe gefahren. Ich denke, dieses System hilft wirklich, mehr Feedback vom Auto zu bekommen und die Fahrt emotionaler zu machen.“
Zukünftige Fahrer werden die Möglichkeit haben, das künstliche Geräusch auszuschalten. „So hat man sowohl ein leises Auto zum Cruisen als auch einen Sportwagen“, erläutert Döllner und schränkt ein: „Dieses Fahrzeug ist nicht für die Rennstrecke entwickelt. Sein Zweck ist genau das, was wir heute tun: purer Fahrspaß.“
Der Clou mit dem Verdeck
Nach einem kurzen Fotostopp öffnet Gernot Döllner das Verdeck des Concept C. Das Serienmodell wird der erste Audi mit einem faltbaren Hardtop. „Wir wollten nicht zwei Fahrzeuge bauen, ein Coupé und einen Roadster. Das war Teil der Vorgabe“, erklärt Döllner. „Wir haben deshalb dieses spezielle Dachkonzept entwickelt, das Teil des Designs wurde. Es ist perfekt für diese Art von Fahrzeug.“
Das auf dem Concept C basierende Serienmodell soll weltweit angeboten werden, mit Schwerpunkten voraussichtlich in Deutschland und Großbritannien – zwei traditionell cabriofreundlichen Regionen. Ein Verkaufsschlager wird ein solches Fahrzeug wohl nicht werden. Es soll vielmehr den Weg für die neue Designsprache in der gesamten Produktpalette des Unternehmens ebnen. Angesichts des futuristischen Auftritts des Konzeptfahrzeugs wirken die aktuellen Modelle fast schon hausbacken. Döllner räumt ein, dass der Übergang schwierig wird, sich angesichts des langfristigen Ziels jedoch lohnen wird.
Die vierte Generation Audi TT?
Viel wurde über die Ähnlichkeit des Concept C mit dem Audi TT diskutiert. Doch auch der Audi R8 diente als Inspiration. Wenn man die drei Fahrzeuge nebeneinander stehen sieht, wird deutlich, wie stark das Konzeptfahrzeug von TT und R8 beeinflusst ist.
Der Audi TT, dessen erste Generation 1998 auf den Markt kam, ist ein Musterbeispiel für Purismus: Das vom Bauhaus inspirierte Design zeichnet sich durch eine schlichte Karosserie und einen reduzierten Innenraum aus. An dieses klare Konzept knüpft der Concept C an.
In der Fahrdynamik ist jedoch der R8 das Vorbild. Ein 4,2-Liter-Achtzylinder in Mittelmotor-Anordnung und der nach hinten verlagerte Schwerpunkt machen das Coupé zu einem extrem agilen Sportwagen. Diese Architektur zeigt, warum sich Audi und Porsche bei ihren elektrisch angetriebenen Sportwagen ebenfalls auf diese Konfiguration konzentrieren.
Ein weiterer Pluspunkt des R8 ist natürlich der Sound: Der V8 klingt einfach grandios. Das zukünftige Serienmodell könnte Besatzung und Publikum Schlimmeres zumuten, als einen solchen Klang elektronisch zu erzeugen.
Und noch ein neuer Audi
Der Audi Concept C ist zwar kein reines Performance-Fahrzeug. Doch die Aufnahme eines Sportcoupés in die Modellpalette ist ein Schritt, mit dem das Unternehmen aus Ingolstadt seine Tradition in diesem Bereich weiter ausbaut. Gernot Döllner spricht von einigen „interessanten RS-Modellen“, die in den nächsten zwei Jahren auf den Markt kommen sollen. Audi erhofft sich dadurch zusätzliche Aufmerksamkeit – auch durch den Einstieg in die Formel 1 in der nächsten Saison.
Wie sich Döllners Meinung zu künstlich erzeugten Motorgeräuschen gewandelt hat, hat sich auch seine Einstellung zur Formel 1 verändert. In seiner früheren Position beim Volkswagen-Konzern hatte er den Einstieg in die Königsklasse infrage gestellt. Diese Haltung war auch darauf zurückzuführen, dass ursprünglich sowohl Porsche als auch Audi in die Formel 1 einsteigen sollten. Dieses doppelte Engagement hielt Döllner für unsinnig. Seit sich der Konzern auf Audi konzentriert, steht er hinter der Entscheidung. „Als ich zu Audi kam, habe ich schnell gelernt, wie wichtig der Motorsport für Audi ist und welche Erfolge die Marke erzielt hat. Diese Historie ist spannend, aber auch eine große Herausforderung.“
Ab 2026 tritt Audi mit dem Deutschen Nico Hülkenberg und dem Brasilianer Gabriel Bortoleto in der Formel 1 an. „Innerhalb von fünf Jahren wollen wir wettbewerbsfähig sein“, blickt Gernot Döllner voraus. „Ab 2030 wollen wir um die Weltmeisterschaft kämpfen, denn ein Top-Team wird man in der Formel 1 nicht über Nacht.“
TEXT James Attwood für WALTER #27
BEARBEITUNG Christian Schön