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Velocity. Neues Leben für Klassiker.

Singer wurde mit ihren Sportwagen auf Porsche Basis Kult – Velocity ist auf dem besten Wege, dem kalifornischen Porsche-Umbauer zu folgen. Der wohl größte Restomod-Produzent Amerikas macht aus Offroadern wie Bronco, Land Cruiser und Scout in 14 Wochen neuwertige Klassiker – auf Wunsch sogar elektrisch.

Der Firmensitz von Velocity liegt nicht im trendigen Los Angeles, nahe des wilden Miami Beach und schon gar nicht im Großraum New York. Cantonment, ganz im Nordwesten von Florida muss man nicht kennen, denn viel zu sehen gibt es dort nicht. Zum Frühstück trifft man sich früh um sieben in Georges Bistro oder im True Grids, doch sonst hat der Großraum Pensacola nicht mehr zu bieten als einen gigantischen Air Force Stützpunkt und einen stattlichen Hafen. Gefühlt ist jedes fünfte Gebäude in der betont ländlichen Regionen Treffpunkt einer Glaubensgemeinschaft. Nicht nur sonntags geht es in die Kirche. Tourismus? Eher weniger, doch wenn man etwas für klassische Offroader übrighat, dann ist man bei Velocity, rund 20 Minuten nördlich Richtung Cantonment an der Grenze zu Alabama genau richtig.

Velocity – Modern Classics – was sich anhört nach einer beliebigen Tuningschmiede in einem Außenbezirk von Long Beach oder Detroit, sorgt nicht nur beim Erstbesuch für mehr als ein Aha-Erlebnis. Das Firmengelände ist groß, die Haupthalle mit mehr als 12.500 Quadratmetern mächtig und Tom Maxwell gibt als Chief Revenue Officer nicht nur VIP-Kunden allzu gern eine Werksführung – natürlich mit dem Offroad-Golfcart.

„Wir sind vor einiger Zeit hierhin umgezogen, weil wir einfach mehr Platz für unsere Fertigung benötigten“, lächelt er und knattert vorbei am betagten Rattlesnake Building, „nein Klappenschlangen haben wir hier nicht. Ehemals gab es in dem Teich aber einen Alligator.“ Na dann.

Über einen holprigen Naturpfad geht es in den hinteren, uneinsehbaren Teil des Firmenareals. Dort gehen Klassikfans die Augen über, denn hier parken wie auf einem Edelschrottplatz nicht nur dutzende von abgewrackten Ford Broncos, sondern auch ein paar zerrupfte Mustangs, ein International Scouts und ein paar Chevy Pick Ups, deren gute Zeiten schon einige Jahrzehnte vergangen sind. Gleich daneben, fein säuberlich gestapelt zahllose Achsen, Leiterrahmen und Karosseriemodule – viele Restomod-Fans würden sich hier liebend gerne mit Zelt oder Wohnmobil eine ganze Woche einmieten.

„Alle diese Modelle bauen wir wieder auf. Für die meisten gibt es jedoch einen neuen Rahmen und gerade für die Broncos bekommen wir auch neue Karosserien“, erklärt Tom Maxwell.

In der ersten Halle daneben werden die verrosteten Karossen und Rahmen gesandstrahlt und gereinigt – einiges lässt sich retten – vieles nicht. Als es in die zweite, neuere Halle geht, wird der Unterschied zu anderen Umbaufirmen deutlich. Bei Velocity ist fast alles viel größer und professioneller als bei anderen Restmod-Firmen. Knapp 130 Personen erschaffen hier pro Jahr aktuell rund 110 Fahrzeuge – frei nach Kundenwunsch in dunkelgrün, grau, blau oder orange – mit Bikini-Top oder festem Aufbau. Pro Woche gehen aktuell zwei bis drei Fahrzeuge an die Kunden raus, die im Vergleich zur Konkurrenz nicht ein Jahr oder mehr auf das Wunschfahrzeug warten müssen.

„Ein normal umgebauter Ford Bronco kostet bei uns 250.000 bis 300.000 US-Dollar“, erklärt Maxwell, „das Fahrzeug ist nach 14 Wochen fertig. Bei uns muss keiner ewig warten, denn wir haben die Produktion mit unserer Signature-Serie vereinfacht und deutlich professionalisiert.“ 

Wer sich die verschiedenen Fertigungslinien anschaut, sieht schnell, wieso es hier schneller als bei so manch anderem geht. Unangefochtener Bestseller ist der Ford Bronco aus den 1960ern, doch auch Geländewagen wie International Scout oder ein Toyota Land Cruiser werden von der verrosteten Schrottkiste zum Traum-Offroader, der im Gelände und auf dem Rodeo Drive gleichermaßen glänzt. Die einzelnen Modelle sind zwar in Sachen Farbe, Ausstattung und Interieur individualisiert, jedoch als Modell der sogenannten Signature Serie von der Stange weitgehend standardisiert – neue Karosse, neuer Motor, Ledersitze, Offroadachsen, Stollenreifen, Navigation und ein Soundsystem – damit sind die meisten Kunden mehr als happy. Doch selbst die Exklusivumbauten für 600.000 US-Dollar oder mehr dauern bei Velocity kein halbes Jahr.

„Die meisten Kunden suchen einen speziell auf sie zugeschnittenen Ford Bronco mit modernem V8, Offroadpaket und edler Ausstattung“, erläutert Tom, „sie fahren bereits moderne Autos und wollen einfach einmal etwas anderes, wenn sie am Wochenende unterwegs sind.“ 

Das Interesse an ebensolchen Elektromodellen ist in den vergangenen Jahren dabei überraschenderweise gesunken. Vor zwei bis drei Jahren kamen mehrfach Anfragen nach historischen Broncos mit Elektropower. Doch der schwarz-graue Prototyp ist fertig entwickelt noch immer im Firmenbesitz und wird eifrig erprobt, wenn doch einmal ein Kunde nickt. Letztlich wollten fast alle Interessenten der Restomods den kraftvollen Gen-III-5.0-Liter-Coyote-V8 aus dem Ford Mustang mit rund 450 PS stehen. Der Klang: spektakulär.

Dabei geht der Trend selbst bei den Kultkraxlern längst weg von der knochigen Handschaltung mit dem langen Gestänge. So hat der Kunde die Wahl zwischen eine Viergangautomatik und einer solchen mit modernen zehn Schaltstufen, mit der es sich auf den Flaniermeilen lässig cruisen lässt. Wer mit seinem eigenen Traumklassiker zu Velocity kommt und diesen umgebaut haben möchte, schaut übrigens in die Röhre.

„Wir bauen nur unseren eigenen Rahmen und Karosserien um, da die Arbeit sonst nicht kalkulierbar ist“, räumt Techniker Jim ein, „doch wir nehmen den alten Bronco oder F-250 zu einem realen Preis in Zahlung.“

Die meisten Kunden kamen bisher aus den USA, einige aus Asien oder sogar aus Europa. Für das kommende Jahr plant Velocity eine Außenstelle in Deutschland, weil sich die Anfragen für historische Broncos häufen, seitdem Ford sein aktuelles Modell auch hier anbietet. Wie groß die Nachfrage in Europa letztlich ist, muss sich zeigen – eine Legende ist er allein in den USA.

Vielleicht bietet die Neuauflage des elektrischen Scout im Volkswagen Konzern eine weitere Chance zur Expansion. Sonst setzt Velocity auf die Restaurierung klassischer Ford-Mustang-Modelle. Der Trend dürfte so schnell kaum abebben, denn einen Mustang will doch fast jeder – sagt Tom Maxwell.

TEXT Stefan Grundhoff