Opel. Trio Infernale.

Opel im Rallyesport? Da denken die meisten Menschen an die beliebten Hecktriebler Kadett GT/E, Ascona oder Manta 400. Christoph Schleimer sieht das anders. Der einstige Opel-Junior hat sich auf die „Frontkratzer“ der Marke eingeschossen. Statt sich einen Manta zuzulegen, erweiterte er seine Sammlung lieber um ein Auto, das vor 15 Jahren sein Rentnerdasein beendete und das er für einen aktuellen WRC-Piloten warm fuhr.

Rentner gewinnt Nachwuchssichtung“ – wäre man im Frühjahr 2002 Redakteur bei der Bild-Zeitung gewesen und auf das Opel-Projekt in der Deutschen Rallye-Meisterschaft gestoßen, dann hätte man nicht lange nach einer reißerischen Headline suchen müssen. Der „Rentner“ war in dem Fall zarte 29 Jahre alt und hörte auf den Namen Christoph Schleimer. Und die Geschichte, wie er an das begehrte Cockpit gekommen ist, klingt zu schön, um wahr zu sein.

Doch der Reihe nach: Mitte der 90er-Jahre zählt Schleimer zur Riege talentierter Nachwuchsfahrer, die sich in 65 PS starken Fiat Cinquecento die Seele aus dem Leib fahren – angetrieben von der Hoffnung, eines Tages in die Fußstapfen eines Walter Röhrl zu treten. Gegen Fahrer wie Olaf Dobberkau wird der Jungspund aus Obertiefenbach bei Koblenz 1994 Vizemeister und gewinnt die Junioren-Wertung. Die Rallye Story urteilt damals: Schleimer „ist Zivildienstleistender, aber für seinen Gasfuß bräuchte er einen Waffenschein“.

Wie so oft währt die Hoffnung auf die große Karriere allerdings nicht lange. 1998 – nach Einsätzen im Gruppe-N-Cossie und ADAC Junior Cup – findet Schleimer keine Sponsoren für ein Programm im Seat Cup. Er zieht sich aus dem aktiven Sport zurück und steigt in den elterlichen Spediteurs-Betrieb ein. Schleimer ist zwar bei fast jedem DRM-Lauf vor Ort, den Rallyehelm zieht er aber nur noch sporadisch auf.

Auch bei der Rallye Monte Carlo 2002 ist Schleimer im Einsatz. Als Eisspion versorgt er die Suzuki-Junioren Niki Schelle/Gerhard Weiss mit den letzten Updates zu den Streckenbedingungen. Im Gegenzug erfährt er von seinem früheren Konkurrenten, dass Opel ein DRM-Programm mit dem neuen Corsa Super1600 plant und dazu eine Nachwuchssichtung veranstaltet. Eine Bewerbung schickt der Rallye-Rentner allerdings nicht ab.

Dennoch zählt Schleimer im Frühjahr zum kleinen Kreis an Kandidaten, die sich für das Cockpit des quirligen Fronttrieblers qualifizieren können. Die Einladung flatterte in der Zwischenzeit nämlich ungefragt in seinen Briefkasten. Anscheinend hat man diesen jungen, wilden Cinquecento-Glüher bei Holzer Motorsport, die damals den Fiat-Cup betreuten und heuer das Opel-Projekt aus der Taufe heben, nicht vergessen.

Schleimer folgt der Einladung und nimmt am 30. Januar 2002 an der Sichtung teil, die noch auf dem ‚alten‘ Astra Kit Car stattfindet. Dabei geht es ihm aber weniger um das bevorstehende Projekt: „Ich dachte mir: Cool, da fährste mal einen Tag das Astra Kit Car“, erklärt Schleimer heute. Diese Laissez-Faire-Einstellung zeigt sich auch beim Mittagessen. Während die anderen Junioren im Salat stochern, verdrückt Schleimer ein Schnitzel. Trotzdem setzt er sich gegen die acht Konkurrenten durch und erhält den Zuschlag für die DRM-Saison 2002. So wird Schleimer nach vierjähriger Rallye-Pause und im Alter von 29 Jahren zum Opel-Junior.

„Ich glaube, dass es Opel nicht darum ging, den schnellsten Fahrer zu verpflichtet, sondern um einen, der ihnen auch bei der Entwicklung hilft“, bewertet Schleimer die Entscheidung mit 15 Jahren Abstand. Der Obertiefenbacher wird zwar auf den neu geschaffenen DRM-Junior-Titel angesetzt, soll aber auch fleißig Entwicklungsarbeit leisten. Die Deutschen wollen so ihren Beitrag leisten, damit der von Ray Mallock Ltd. entwickelte und zum 1. Januar neu homologierte Corsa die Super1600-Klasse aufmischen kann.

Für die ersten drei DRM-Läufe bekommt Schleimer den Corsa mit der Chassisnummer 09 zur Verfügung gestellt, die Bilanz fällt durchwachsen aus: Bei der Oberland touchiert Schleimer einen Strohballen und beschädigt die Spurstange, das Aus. Bei der Havelland muss er das Auto nach einem Differenzialschaden auf WP drei ins Ziel schieben (!) und fällt auf den letzten Platz zurück. Später sorgt eine defekte Drosselklappe für das endgültige Aus. Auf den Schotterpisten rund um Wittenberg schafft es der Opel erstmals über die Distanz, allerdings mit Minutenabstand zum späteren Junioren-Meister Sven Haaf im Citroën Saxo Kit Car. 

Schleimer wechselt anschließend das Arbeitsgerät – von Chassis 09 auf Chassis 10 – und fährt in Pößneck prompt zum Divisionssieg, alle weiteren Einsätze im Jahr 2002 enden jedoch vorzeitig. Die Stimmung zwischen Schleimer und Opel ist aber nicht erst durch die zwei Unfälle zum Saisonende getrübt. Die Verpflichtungen als Werksfahrer lassen sich nur schwer mit seinem Hauptberuf verbinden. Zum Saisonende trennen sich die Wege. Mit seinem 30. Geburtstag verabschiedet sich der Obertiefenbacher endgültig aus dem modernen Sport und wird zum Geschäftsführer von Schleimer Transporte.

Für Chassis 09 geht die Reise dagegen international weiter. Der Norweger Martin Stenshorne und Schleimer-Konkurrent und -Freund Haaf setzen den Corsa 2002 in der Junior-WM ein, sehen aber kein einziges Mal die Zielflagge. Das ändert sich, als ein britischer Nachwuchsmann das Steuer von Chassis 09 übernimmt. Der Jungspund mit rötlichem Haar und Sommersprossen im Gesicht wird vom großen Colin McRae gefördert, macht sich im Laufe der Zeit aber auch selbst einen Namen: Kris Meeke. Heute Citroën-Werksfahrer, muss der Nordire damals noch das alte Schleimer-Auto „auftragen“ und erklimmt darin unter anderem bei der Rallye Monte Carlo 2004 das JWRC-Podium.

An den Erfolg im Fürstentum erinnert der Corsa S1600 noch heute. Die Sitze tragen die Aufschriften Meeke und Patterson, die Fronthaube das berühmteste Rallyeschild der Welt und der Name in der Windschutzscheibe haucht regelrecht Ehrfurcht ein: McRae Motorsport. Dass es einst „sein“ Opel Corsa war, erkennt Schleimer „nur noch an der Chassisnummer“. Denn: Der Corsa wurde frisch restauriert und sieht so aus, als hätte er gerade erst die Fertigungshalle verlassen. Würde man mit einem Q-Tip über den Unterboden streichen, wäre die Watte danach immer noch alpinaweiß.

„Das war das erste Auto, bei dem ich mir vor dem Einsteigen die Schuhe ausgezogen habe“, berichtet Schleimer von seinem ersten Wiedersehen mit dem Corsa S1600 im Herbst 2017. Die perfekte Restauration stellte ihn vor ein Dilemma: Eigentlich wollte er den Corsa S1600 als Schotterauto kaufen, aber jetzt musste er einsehen. „Das Auto ist viel zu gut. Das können wir guten Gewissens nicht nutzen.“ Also doch der Opel Manta 400, den er ebenfalls angeboten bekam? Der 45-Jährige wiegelte ab. Mit Heckantrieb hat er keinerlei Erfahrungen. Einmal Frontkratzer, immer Frontkratzer. Also doch der Super1600.

So steht jetzt der dritte piekfein hergerichtete Opel-Fronttriebler in Obertiefenbach. Der Corsa S1600 teilt sich eine Doppelgarage mit dem Opel Astra Kit Car – jenes Modell, das Schleimer einst den Weg in den Corsa ebnete. Zur Saison 2013 erwarb der Spediteur das bullige Zweiliter-Kit-Car, mit dem Niki Schelle 1999 zum DRM-Vizetitel spurtete. Doch auch der aktuelle Besitzer weiß mit dem Fahrzeug umzugehen. Zwei Gesamtsiege hat er mit der ebenfalls von Ray Mallock Ltd. entwickelten Krawallbüchse errungen, 2016 und 2017 musste er sich an der Südlichen Weinstraße nur Rainer Nollers Lancer Evo IX geschlagen geben.

Der Dritte im Bunde wird bei Schleimer und seiner Schrauber-Truppe, die zu unserem Fototermin in voller Mannstärke ausrückt, nur „Kadett“ genannt, in den Nennlisten taucht er jedoch als Vauxhall Astra auf. Die Motorhaube ziert die Logos von Opel und Vauxhall, dazu kommen zwei Blitze an der Frontschürze und – um die Verwirrung perfekt zu machen –  kleben direkt daneben zwei Logos der (damaligen) Konzernmutter General Motors. Oder um es mit den Worten des Ruhrpott-Philosophen Atze Schröder zu sagen: „Ja nee, is klar.“

Klarheit, was da eigentlich in seiner Garage steht, herrschte auch bei dem Besitzer lange Zeit nicht. Schleimer hielt das Gruppe-A-Auto anfangs für einen „gewöhnlichen“ Opel Kadett GSi mit einer ungewöhnlichen Anordnung der Zusatzaggregate. So war etwa der Behälter für die Kühlflüssigkeit an einer anderen Stelle verbaut als bei sonstigen Zweiliter-16V-Kadetts. Ein erstes Indiz brachte das britische Jahrbuch „Rallycourse“, das den Motorraum des äußerlich baugleichen Vauxhall Astra GTE zeigte. „Der sah meinem Kadett verblüffend ähnlich“, staunte Schleimer damals.

Eine ausgiebige Recherche bestätigte den Anfangsverdacht, es handelte sich tatsächlich um einen Vauxhall, sogar um einen echten Werkswagen. Auf dem Kotflügel des Schleimer-Kadetts standen einst klangvolle Namen: Malcolm Wilson/Ian Grindrod fuhren den Vauxhall Astra GTE 1989, und das sogar äußerst erfolgreich. Bei den WM-Läufen in Neuseeland, Australien und Großbritannien war der Astra jeweils bester Nicht-Allradler; in Land der Kiwis reichten die 220 auf die Vorderräder übertragenen PS sogar zu Gesamtrang drei. Schleimer ließ auch mit diesem Schätzchen einige Gesamtsiege folgen. Die Rallye Zorn gewann er vier Mal, bei der Köln-Ahrweiler holte er sich fünf Mal den Gold Cup.

Apropos Zorn: Die 200er-Rallye vor Schleimers Haustür (der Startschuss fällt nur zwei Orte entfernt) sollte für den 45-Jährigen auch dieses Jahr den Saisonauftakt bilden. Mit dem Astra Kit Car wollte er als Nullwagen die Meute einheizen. Doch dann kamen wir in die Quere und so holte er alle drei Krawall-Brüder schon drei Tage vorher aus dem Winterschlaf. Mit offizieller Genehmigung des Bürgermeisters durften wir uns auf der WP „Obertiefenbach“, die 500 Meter von Schleimers Haustür entfernt startet, nach Herzenslust austoben.

Trotz Temperaturen um den Gefrierpunkt wurden Autos und Fahrer schnell warm – und der Hausherr zeigte, dass man auch mit Frontantrieb für reichlich Action sorgen kann. Im Opel Kadett/Vauxhall Astra kam Schleimer am schnellsten auf Betriebstemperatur, mit seiner schmalen Spur (1.406 mm) und dem kurzen Radstand (2.520 mm) ist das etwas bieder anmutende Gruppe-A-Auto wie gemacht für schmale Feldwege. Und 220 PS reichen locker, um nicht einmal 1.000 Kilo nach jedem noch so wilden Handbrems-Einsatz wieder in die Spur zu bringen.

Spur ist beim Astra Kit Car das große Thema. Die breiten Backen verleihen dem Zweiliter-Sauger den bulligen Auftritt, den man sonst eher von Rennwagen gewohnt ist, und sie sorgen auf schnellen, sauberen Asphaltpisten für ein extrem stabiles Fahrverhalten. „Leck mich am Arsch, das ist ja wie ein Formel-1-Auto“, soll Michael Wenzel nach einer WP im Astra mal freudestrahlend gebrüllt haben. Auf engen, dreckverschmierten Pisten kann sich der vermeintliche Vorteil aber auch zum Nachteil entwickeln. 1578 Millimeter beträgt die Spurweite der angetriebenen Vorderräder. Zum Vergleich: Beim Mitsubishi Lancer Evo IX beispielsweise liegen die Räder 63 Millimeter näher beieinander.

„Mit dem Astra Kit Car triffst du keine Spur“, weiß Schleimers Chefmechaniker Andreas Kramer, der beim Weckruf aus dem Winterschlaf noch ein wenig nachhelfen muss. Einer der vier Zylinder zündet nicht richtig. Die Frage, ob der Astra das komplizierteste Auto aus dem Schleimer-Fuhrpark sei, hat das Kit Car somit selbst beantwortet. Einmal gestartet, läuft das Kit Car aber rund und unterstreicht mit kräftigem Gebrüll, dass ein hoch drehender Sauger – allen Leistungsdefiziten zum Trotz – einfach den geileren Klang hat.

Akustisch braucht sich auch der Neuling nicht verstecken, mit dem Christoph Schleimer vor unseren Augen die ersten Kilometer seit der Pneumant 2002 absolviert. „Der kurze Radstand ist noch etwas ungewohnt“, erklärt der Besitzer nach den ersten Kurven fast entschuldigend. Während bei Astra GTE und Kit Car jede Kurve sitzt und auch die Handbremswende kurz vor dem Ortseingang wie aus dem Effeff funktioniert, muss sich der Besitzer noch an das Limit des Corsa S1600 herantasten. Man merkt ihm (noch) an, dass er in sein neuestes Schätzchen nur ja keinen Kratzer fahren will.

Wann wir den Corsa das erste Mal auf deutschen Wertungsprüfungen erleben dürfen, ist aktuell noch nicht klar. Über den Sommer hat die Kart-Karriere von Sohn Maxi (10) Vorrang, für den Rallyesport bleibt für den stolzen Familienvater deshalb „nur im Februar und November“ Zeit. Ein Traum aber treibt Schleimer seit dem Kauf des 1,6-Liter-Kit-Cars um: Er würde seine drei Opel-Fronttriebler eines Tages gerne in Original-Besatzung bei einer Rallye einsetzen. Den Corsa würde Schleimer selbst bewegen, das Astra Kit Car würde er seinem alten Kumpel Niki Schelle anvertrauen und den Vauxhall – und das ist die Crux an der Geschichte –  ja, den sollte der aktuelle M-Sport-Boss fahren …

Bis es so weit ist, kann Christoph Schleimer vielleicht seinen anderen Traum verwirklichen – den von einem Schotterauto, bei dem sich der Besitzer nicht aus Ehrfurcht die Schuhe ausziehen muss. Wir hätten da auch schon einen Vorschlag: Wie wär’s denn mit einem Calibra 16V? Der ist auch selten, von Opel und mit Frontantrieb. Und wenn es so weit ist, kommen wir auch gerne wieder!

TEXT Sebastian Klein
FOTOS Coco Beutelstahl

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