ChromeCars. Schwarze Magie.

Wie es die Jungs von ChromeCars immer wieder schaffen, extrem seltene Old- und Youngtimer aufzutreiben, grenzt schon fast an Zauberei.

Ein eher unscheinbarer Zweckbau in Laasdorf, einem Vorort von Jena. Nichts deutet von außen darauf hin, dass sich hinter der Tür eine der spannendsten Fahrzeugsammlungen Europas verbirgt. Hier ein Dutzend Ferrari, dort ein Rudel Musclecars aus den USA, ums Eck eine Handvoll historische Rennautos. Und zwar nicht irgendwelche, sondern ausschließlich rare Ware. Für einige der Old- und Youngtimer, die bei ChromeCars stehen, würden Sammler wahrscheinlich töten, wenn sie nicht käuflich wären. Denn ChromeCars, nach eigenem Verständnis betrieben durch automobile Archäologen, treibt nicht nur fantastische Fahrzeuge auf, sondern handelt auch mit ihnen.

In seiner erst vierjährigen Geschichte hat das Unternehmen bereits mit einigen der spektakulärsten Funde der jüngeren Vergangenheit international Schlagzeilen gemacht. Vor zwei Jahren ging den Scouts ein US-Klassiker ins Netz, der ob seiner Seltenheit in die Kategorie der automobilen Einhörner fällt: ein 1967er Shelby Mustang GT500, besser bekannt als die originale „Eleanor“ aus dem Kinohit „Nur noch 60 Sekunden“ mit Angelina Jolie und Nicolas Cage in den Nebenrollen.

Wobei „original“ insofern relativ ist, weil für die Dreharbeiten insgesamt elf optisch identische Mustang gebaut wurden. „Aber nur die sogenannten ‚hero cars‘ wurden für Fahraufnahmen verwendet, von diesen existieren nur noch drei Stück“, erläutert Kai Nieklauson, Geschäftsführer von ChromeCars. Diese drei „Eleanor“ zählen zu den wertvollsten und begehrenswertesten Exemplaren der Gattung Filmfahrzeug. 2013 erzielte ein Schwestermodell auf einer Auktion schwindelerregende eine Million Dollar. Die in Jena beheimatete „Eleanor“ steht nicht zum Verkauf, sie müsste schon gestohlen werden. Hat jemand die Nummer von Nicolas Cage?

Getrennt hat sich ChromeCars dagegen von einem weiteren Fahrzeug aus der Einhorn-Klasse, einem sogenannten Futurliner. Nur zwölf dieser für Showzwecke umgebauten Trucks – Spitzname „Red Elephants“ – ließ General Motors bauen, um in den 1940er und 50er Jahren auf Promotiontour durch die USA zu gehen. Verschiedene Displays an Bord der 10 Meter langen, 3,5 Meter hohen und 2,4 Meter breiten Giganten sollten den Besuchern die Vorzüge fortschrittlicher Technologie nahebringen. Im Anschluss an diese „Parade of Progress“ verschwanden die Futurliner in der Versenkung, wurden ausgeschlachtet, verschrottet oder für noch skurrilere Zwecke wie eine mobile Kathedrale umgebaut.

„Futurliner Nummer 7 stand in den USA jahrzehntelang auf diversen Hinterhöfen herum, bis einer unserer Geschäftspartner den damaligen Besitzer dazu überreden konnten, das Fahrzeug herzugeben“, erzählt Nieklauson. Heute erfreut er, in unrestauriertem Zustand, einen Sammler ganz in der Nähe.

In diesem Fall fiel ChromeCars der Verkauf leicht – in den heiligen Hallen der Firma stand damals noch ein weiterer Futurliner, die Nummer 9. Die hatten die automobilen Archäologen schon drei Jahre zuvor in den USA aufgetrieben und von einem befreundeten Restaurierungsunternehmen äußerlich in Neuzustand versetzen lassen. Nach einigen viel umjubelten Auftritten, darunter beim „Goodwood Festival of Speed“, ist jetzt der Innenraum dran.

Momentan steht nebenan sogar ein dritter – von acht noch bekannten – Futurliner, Nummer 5. „Den hat der Vorbesitzer zum Abschleppwagen umgebaut. Der zukünftige Eigner will ihn wohl so lassen“, sagt Nieklauson.  

Auch ein weiteres verschollen geglaubtes Filmauto tauchte in Jena wieder auf – der schwarze 1968er Dodge Charger R/T aus dem Klassiker „Bullitt“. Die bösen Jungs jagen darin den von Mordermittler Frank Bullitt (Steve McQueen) gesteuerten Ford Mustang in einer der längsten Verfolgungsjagden der Kinogeschichte. Der mehrfach umlackierte Charger – ein zweites Exemplar wurde einer spektakulären Tankstellen-Explosion am Ende der Verfolgung geopfert – hat jetzt wieder Originalzustand. Inklusive der vier Radkappen, von denen der Charger im Film, so viel zur Logik von Hollywood-Streifen, etwa ein Dutzend verliert. „Sogar die Löcher, an denen eine Kamera für die Cockpitaufnahmen mit Steve McQueen befestigt wurden, sind noch vorhanden“, sagt Nieklauson stolz.

Im Sommer 2018, zum 50. Geburtstag von „Bullitt“, trat der Charger von ChromeCars beim „Goodwood Festival of Speed“ erneut gegen den Mustang Fastback von Steve McQueen an, den ein privater Besitzer aus den USA mit nach England gebracht hatte. „Diese Reunion wollen wir in San Francisco, auf den Originalschauplätzen der Verfolgungsjagd in ‚Bullitt‘, noch einmal wiederholen“, freut sich Nieklauson schon jetzt auf einen der zukünftigen Coups seiner Mannschaft.

Nebendarsteller neben keinem Geringeren als Michael Jackson war ein schwarzes Ferrari Testarossa Cabriolet, das nicht weit vom Charger steht. Der „King of Pop“ flieht darin in einem Pepsi-Werbespot von 1987 vor einer Horde Fans. „Ferrari war eigentlich nicht mein Beuteschema, schon gar nicht der Testarossa“, schmunzelt Nieklauson. „Erst als mir vor vier Jahren zufällig einen Testarossa mit Erstzulassung am Geburtstag meiner Tochter über den Weg lief, habe ich meine Meinung geändert.“

Und weil er kein Freund halber Sachen ist, kaufte er nach und nach von jeder der fünf Testarossa-Varianten ein Exemplar. „Mir geht es nicht darum, möglichst viele Autos zu haben. Es muss sich daraus auch ein Konzept ergeben.“ Da Youngtimer außerdem auch geschäftlich immer interessanter werden, tummelt sich inzwischen eine ganze Armada von Ferrari in den ChromeCars-Hallen.

Eleanor, McQueens Charger, Futurliner und Jackos Ferrari oder der Besuch von Schauspieler Cody Walker – Bruder von „Fast&Furios“-Star Paul Walker – zeigen: Besonders gute Connections hat ChromeCars in die USA. Von dort holten die Jenaer 2015 auch einen Cadillac Eldorado in der schrägen Farbe Topaz-Gold, der 1967 in den Besitz von Elvis Presley höchstpersönlich überging. Von den manchmal üblen Launen des „King of Rock’n’Roll“ zeugt ein Loch im rechten Kotflügel – in einem Wutanfall hatte Elvis mal eben auf das Auto geschossen.

„Richtig interessante Autos findet man in den USA inzwischen besser als in Europa“, sagt Nieklauson, der in Jena aufgewachsen ist. „Aber an sie heranzukommen, ist auch harte Arbeit. Man muss jedem noch so kleinen Hinweis nachgehen, das ist richtiges Street-Working. Leider werden oft utopische Preise gefordert, was Verhandlungen langwierig macht.“ So hat es Monate gedauert, bis der Jackson-Ferrari für weniger als die ursprünglich vom Besitzer geforderten 800.000 Dollar in Richtung Thüringen abreiste.

In den USA nahm auch der bisher schwierigste Deal der automobilen Archäologen seinen Ausgang. Und dabei handelte es sich nicht um ein ultrarares Musclecar oder das Bat-Mobil. Stattdessen trieben die Scouts in New York einen von nur zwei jemals gebauten Maserati Alférez auf. Mit diesem Scooter wollte die Marke in den 1950er Jahren allen Ernstes Vespa Konkurrenz machen.

„Das Problem war, dass die nur zweistellige Fahrgestellnummer vom amerikanischen Zoll nicht anerkannt wurde und wir deswegen keine Ausfuhrgenehmigung bekamen“, streift Nieklauson die Komplexität des Business. Das Verbot galt allerdings nur für das komplette Moped. Also wurde der zweirädrige Maserati kurzerhand zerlegt und in Einzelteilen nach Jena gebracht.

Auch Nieklausons Liebling ist ein Amerikaner – ein Lincoln Continental Convertible. „Eins der wenigen viertürigen Cabriolets. Mehr Entschleunigung geht nicht“, begründet. Dass US-Präsident John F. Kennedy in einem solchen Straßenkreuzer erschossen wurde, ist für Nieklauson ein ebenso spannender Nebeneffekt wie die Tatsache, dass das einzig passende Kennzeichen für das Auto nur in Jena möglich ist: J-FK – die Initialen Kennedys.

Selbstverständlich haben die Fahrzeuge, die Nieklauson gerne irgendwann noch auftreiben würde, ebenfalls die USA als letzten bekannten Wohnsitz und eine Filmkarriere hinter sich. „Der GMC Sierra Pickup von Colt Seavers oder der Ferrari 308 von Magnum, natürlich die originalen Filmautos, das wäre noch was“, gibt er Einblick in seine Wunschträume. „Mir geben solche Fahrzeuge viel mehr, als ein Ferrari 250 GTO, für den man im Prinzip nur richtig viel Geld braucht.“  

In den Hallen von ChromeCars finden sich aber auch europäische Raritäten. Nicht an jeder Straßenecke, noch nicht einmal in Italien, findet man die sogenannten „Jolly Cars“ auf Basis des Fiat 600, mit denen sich in den 1950er und 60er Jahren die Schönen und Reichen am Mittelmeer zwischen Strand, Nachtclub und Yacht hin und her kutschieren ließen. In Laasdorf stehen gleich drei davon. „Diese Autos sind einfach witzig“, sagt Nieklauson und verweist darauf, dass sie sogar eine gewisse Historie im Rennsport hatten. „Bei manchen Veranstaltungen waren sie die Autos für die Fahrerparade. Diesen Gedanken wollen wir demnächst wieder aufgreifen“, deutet er an.

Dem Motorsport sind die Eigentümer von ChromeCars ohnehin nicht abgeneigt. Historische Rennwagen werden ebenfalls gehandelt, natürlich möglichst seltene und feinste Ware. Wie der originale Brabham BT23, mit dem Jochen Rindt 1967 Formel-2-Rennen gewann oder ein VW Käfer mit Porsche-Werksfahrer Leo Kinnunen als Erstbesitzer, beide fanden in Jena einen neuen Besitzer. Zum eigenen Fuhrpark zählen ein Ford Escort RS1600 mit Historie als Werksauto, ein Saab 96 von 1969, ein putziger Nachbau eines Werks-Polski-Fiat 126 und ein Mini Cooper. 

Mit diesen Autos taucht ChromeCars auch gelegentlich bei Veranstaltungen auf. So zum Beispiel beim GP Ice-Race, der Neufassung der legendären Eisrennen in Zell am See. „Alte Autos und Motorsport passen einfach zusammen. Früher war die Grenze zwischen Straßen- und Rennauto ohnehin nicht so streng wie heute“, meint Nieklauson. Inzwischen geht seine Mannschaft sogar soweit, auch voll renntaugliche Youngtimer für Trackdays anzubieten. Porsche 911 GT3, Ford GT40 und sogar ein Porsche 962 gehören zum Fuhrpark. „Wir lassen gerade einen Kremer-Porsche 935 K3 restaurieren, mit dem wir zum 40. Jahrestag seines Siegs beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans einige Aktionen planen.“

Botschafter dieses Programms ist Marco Werner, einer der wenigen Piloten, die Siege bei den 24-Stunden-Rennen in Le Mans und Daytona sowie beim 12-Stunden-Rennen in Sebring feiern konnten. Der heute 53-Jährige chauffiert Freunde des Hauses im Renntempo über die Piste oder gibt aktiven Fahrern unter den Kunden Tipps. Gelegentlich veranstaltet ChromeCars außerdem eine sogenannte „Xperience“, bei der Einblicke hinter die Kulissen des Unternehmens gewährt werden und Ausfahrten mit den Oldtimern des Hauses organisiert werden.

ChromeCars hat ständig rund 180 Autos im Bestand. Nur ein kleiner Teil davon wird über die einschlägigen Internet-Portale verkauft. Besonders die absoluten Raritäten gehen hauptsächlich über Mund-zu-Mund-Propaganda weg. „Da muss dann nicht nur der Preis stimmen, auch so etwas wie Sympathie ist Voraussetzung“, verrät Nieklauson, verschweigt aber auch nicht: „Am Ende des Tages hat alles seinen Preis.“

Lieber nicht nachdenken will er darüber, dass irgendwann mal jemand zwei Millionen für Eleanor bieten könnte. „Dann hätte ich echt einen Gewissenskonflikt.“ Nur ein Auto ist definitiv nicht zu verkaufen – der Testarossa mit demselben Alter wie seine Tochter.    

TEXT Christian Schön
FOTOS Andreas Schubert

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