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Mazda 323 F GLX. Senn Seniors Traum vom H.

Vom Neukauf bis zum H-Kennzeichen. Mein Vater hatte sich irgendwann in den Kopf gesetzt, dass sein Mazda 323 F 1,9i 16V GLX aus 1991 doch bitte in seiner ersten Hand zum Oldtimer reifen möchte. Doch dann kam die Zielgerade …

„Was willst Du denn mit dem Scheckheft? Damit kannst Du nix mehr anfangen, das ist doch schon voll!“

Diesen Satz stell ich mal vorneweg, damit Ihr meinen Vater besser einschätzen könnt. Diese Man-möchte-ihn-knuddeln-Aussage fiel, als ich das Auto aus Karlsruhe abholte, weil er krankheitsbedingt einfach nicht mehr fahren konnte, aber noch ein Jahr zum H-Kennzeichen fehlte. Ich sollte den Wagen weiter hegen und bewegen, damit auf den letzten Metern bis zum ersehnten Oldtimer-Kennzeichen nichts mehr schief geht.

Günter Senn hatte den Mazda 323 F am 2.7.1991 zugelassen. Was er mir in den letzten fünf Jahren auch bei jedem Treffen und in jedem Telefonat auswendig aufgesagt hat. Zwotersiebtereinundneunzig. Und dazu die jeweilige Anzahl der Monate, die noch bis zum H-Kennzeichen fehlen. Immer. Mit 75 Jahren wie mit 79.

Mazda 323 F 1

Auch wenn so ein Mazda 323 F heute erstmal wirkt, wie biederste Massenware: das ist er überhaupt nicht. Mein Vater war zeitlebens ein Autonarr. Fiat Spider, Ford 17M RS, Ford 20M XL, Toyota Celica ST, Scirocco 1 GLI, Ente (neu gekauft), Käfer (neu gekauft), 1. Serie Panda (neu gekauft), dazu früher immer über Nacht die neuesten Autos aus der Autovermietung, für die er gearbeitet hatte (meine erste Erinnerung: Alfa Giulia in den 60ern. Eine Giulia in der Autovermietung!). Und da kauft man auch 1991 keinen Langweiler. Wäre der 323 F ein Golf gewesen, würdet Ihr alle vor Aufregung den Bausparvertrag auflösen und mir Avancen machen. Das Gegenstück zu diesem „Mazda 323 F 1,9i 16V GLX“ wäre nämlich ein Golf 2 GTI gewesen. 

Auch wenn es heute lächerlich klingt – die Ausstattung musste man 1991 in einem Auto der Golf-Klasse lange suchen: 1,9-Liter 16V, 1.010 Kilo, 5-Gang,186 km/h Spitze, Servo, Zentralverriegelung, elektrisches Schiebedach, 4x elektrische Fensterheber mit Komfort-Schließfunktion, Kofferraum- und Tankdeckel-Fernentriegelung, 3-Wege-Kat, 7 Liter Verbrauch, 33.000 Mark.

Für einen ähnlichen 2er GTI aus 1. Rentnerhand als absolut unverbastelter Garagenwagen (nur die Radkappen wurden einmal getauscht, sogar das Mono-Radio ist noch drin) mit lückenlosem Scheckheft legt man heute an die 20.000 Euro auf den Gabentisch. Und dann sieht er immer noch aus wie ein Post-Golf und hat keine ultracoolen Klappscheinwerfer. Für den Mazda hingegen kriegt man auch mit Glück höchstens 5.000. Eigentlich ein Skandal.

Das alles war meinem Vater natürlich völlig wurscht. Golf. Langweilig. Und der Wert ist ja auch uninteressant. Der Mazda ist bezahlt, der Mazda soll bleiben. Fertig.

Mazda 323 F 2

23 Stempel zieren das Scheckheft. Auch schon auf der Rückseite. Und was danach nicht mehr reinpasste ist wenigstens mit Rechnungen der Inspektionen belegt. Selbst als er nicht mehr fahren konnte hat er das Auto quasi jährlich von der Werkstatt aus der Garage abholen lassen, weil ja die Inspektion fällig war. Und die Winterreifen drauf mussten. Und wieder runter. Ohne dass jemand einen Meter dazwischen gefahren ist. Aber auch vorher war es nicht viel: 5.000 im Jahr. Langstrecke. Mit Bedacht. Auch als großer Röhrl– und Stuck-Fan hieß es immer: „Die können das! Ich kann es nicht. Also fahr ich anständig.“

Rückrufaktion nach 29 Jahren 

Darum sollte ich den Wagen eben irgendwann abholen und in Bewegung halten. Das H-Kennzeichen ist ja nur noch 14 von 360 Monaten entfernt. Und eine Rückrufaktion von Mazda galt es zu erfüllen. Das hat ihn schwer nervös gemacht. Nach 29 Jahren hat tatsächlich Mazda Deutschland Herrn Günter Senn per Brief angeschrieben, dass das Zündschloss getauscht werden muss, weil es Probleme geben könnte. Eine Rückrufaktion nach 29 Jahren! Und wahrscheinlich hat nur ER den Brief bekommen, weil er der einzige war, der noch ermittelt werden konnte. 

Der Gedanke mit dieser Nachhaltigkeit kam meinem Vater gleich 1997, als das H-Kennzeichen eingeführt wurde. Eigentlich hatte er schon mit einem Mazda MX5 oder einem Subaru-Boxer geliebäugelt, aber dieses H-Kennzeichen war dann plötzlich ein spannenderes Ziel. Und 1997 waren es ja nur noch 24 Jahre, Verzeihung, 288 Monate, die er aushalten musste.

Mazda 323 F 3

„Nachhaltig? Was soll das jetzt wieder für ein Quatsch sein?“, hatte Senn Senior mal ins Telefon gebruddelt, als ich das Wort unachtsam fallen ließ. Neumodischer Kram. Er hat nie ein Flugzeug von innen gesehen, nie einen ICE bestiegen. „Wenn ich mit dem Auto da nicht hin komme, dann will ich da auch nicht hin. Und selbst wenn: was will ich irgendwo, wo ich mein Auto nicht dabei habe?“ Österreich, Bodensee, Nürburgring und Hockenheimring, da kommt man mit dem Auto hin, das reicht. So isser, der Papi.

Nein. So war er, der Papi. 

Vier Monate vor dem großen Tag ist er gestorben. Am Geburtstag seines Vaters.

TEXT und FOTOS: Thomas Senn

PS: Guck Papi, er hat sein H aber doch noch aufs Kennzeichen bekommen, wie versprochen. Und nicht nur eins. Hab gleich 5 Hs für Dich machen lassen … ich weiß, das hätte Dir gefallen. Und Du hättest es jedem erzählt. H H H H H. Und keine Sorge: Zwotersiebtereinundneunzig geht irgendwann nur an einen Inspektionsfan wie Dich. Mach’s gut im großen H…