Faszination Walter Röhrl. Der Urknall.

Im Januar 2020 kehrte Walter Röhrl zur Rallye Monte Carlo zurück, exakt 40 Jahre nach seinem ersten Sieg. Es war der Urknall für eine Faszination, die bis heute anhält. Der Versuch einer Erklärung.

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Nur mal so gesponnen: Da ist ein Typ, von dem keiner je gehört hat. Der fährt im geliehenen Allerwelts-Auto eines Freundes seine allererste Rallye. Weil schon früh die Lichtmaschine muckt, ist das Resultat nicht weiter bemerkenswert, aber zufällig ist die Rallye ein deutscher Meisterschaftslauf, und auf einer Prüfung fährt das Greenhorn gegen die versammelte deutsche Elite die zweitschnellste Gesamtzeit. Der Beifahrer rennt danach zu allen großen Zeitungen und verkündet: Der Bub wird mal ein ganz Großer, der gehört in ein Werksauto. Und was passiert? Genau. Nichts.

Wenn er wenigstens kicken könnte

Was Herbert Marecek nach der Bavaria-Rallye 1968 widerfuhr, nachdem er an der Seite dieses Walter Röhrl sein Erweckungserlebnis hatte, würde sich heute exakt genauso so abspielen. In der Szene würde man ziemlich wuschig werden, in der großen Medienwelt dagegen hieße es: Wenn er wenigstens kicken könnte, könnte man was mit ihm machen.

Als der Youngster auf einem angeblich ungeeigneten Ford Capri der Weltelite zu Beginn der Olympia-Rallye auf der Nase rumtanzt, überschlägt sich vielleicht die Rallye-Welt, aber keineswegs der Rest der Nation. Den Europameistertitel im untermotorisierten Irmscher-Ascona nehmen auch nur Fans zur Kenntnis.

Die Monte kannte jeder

1979 führte die FIA eine Fahrer-WM ein. Ach wirklich? Der erste Weltmeister hieß Björn Waldegaard. Nie gehört. Rallyesport war eine Randsportart, der Name Röhrl was für Fetischisten. Wenn das gemeine Sportschau-Volk irgendwas über Rallye sagen sollte, fiel ihm allenfalls der Begriff Monte Carlo ein. Von der ältesten Automobilsport-Veranstaltung der Welt im glamourösen Fürstentum des Traumpaars Fürst Rainier und Hollywood-Grazie Grace Kelly, das war sogar in Frisiersalons und Kaffeekränzchen ein Begriff.

Und so änderte sich alles, als die große alte Dame in Südfrankreich und der lange Lulatsch aus Bayern im Januar 1980 zueinander fanden. Fiat schickte ein Star-Ensemble zur Königin der Rallyes. Neben Röhrl war natürlich mit Markku Alén Fiats finnisches Inventar am Start, den frisch gebackenen Weltmeister Waldegaard hatten die Italiener bei Ford weggekauft. Besser mit ihm als gegen ihn. Beide spielten an diesem Januar-Wochenende keine Rolle. Die ganze Sache wäre natürlich nicht halb so legendär, wäre der Röhrl mit der Schnauze nicht ebenso virtuos wie mit dem Gasfuß. Nicht vor und nicht nach ihm gab es je einen Fahrer, der so spontan und in solcher Menge druckreife Sprüche aus der Hüfte schoss. Als er einmal die Beschleunigung eines Gruppe-B-Quattro S1 beschreiben sollte, sagte er: „Stell dir vor, dir fährt an der roten Ampel einer mit 40 hinten drauf.“

„Euch geb ich zehn Minuten“

Zur Gaudi von Reportern und Publikum verpasste er verbal öfter mal den Bremspunkt, was ihm dann nicht selten furchtbar peinlich war. So wie vor exakt 40 Jahren in jenem Dezember, als die neuen Pirelli-Winterreifen deutlich verspätet in Südfrankreich eintrafen. Teamchef Audetto verkündete, man werde also am 21.12. mit dem Testen anfangen. Röhrl wollte drei Tage vor Heiligabend bloß noch heim und staunte, dass Alén und Waldegaard nur ergeben nickten. Erbost über die devoten Kollegen pampte er: „Euch geb ich zehn Minuten“, und reiste ohne Test ab. Die Monte gewann er dann mit 34 Sekunden – zusätzlich zu den zehn Minuten.

Die Sprach-Virtuosen der Fachpresse taten das ihre, um aus kleinen Vorfällen am Rande die dollsten Anekdoten zu stricken. Aus der Geschichte, wie sich plötzlich auf den gefürchteten 38 Kilometern von Moulinon und Antraigues ein von Fans geschenktes Netz mit Orangen losriss und die Südfrüchte durch den Pedalraum purzelten, wurde ein heldenhafter Christian Geistdörfer, der während der Vorleserei des Aufschriebs die Vitamin-C-Granaten einzeln aus dem Fußraum fischte und sie dann noch aus dem offenen Seitenfenster warf und staunende Schlachtenbummler hinterließ: Donnerwetter, der Röhrl ist nicht nur der Schnellste, er verschenkt unterwegs auch noch Apfelsinen.

„Kann ich was dafür?“

Seinen großen Triumph empfand er allerdings gar nicht als solchen. Auch das ist typisch Röhrl, der sein Licht immer unter den Scheffel stellte, der noch heute so bescheiden daherkommt, und im Umgang so schüchtern ist, dass man ihn einfach gernhaben muss – außer man gehört zu den Geschlagenen. „Kann ich was dafür, dass die anderen noch langsamer sind“, watschte er die Kollegen ab, als er zur Halbzeit der Monte schon über neun Minuten vorn lag.

Die Großartigkeit dieses Walter Röhrl resultierte eben nicht nur aus seinem präzisen Stil auf trockenen Straßen, Walter war besonders, wenn es bei Eis, Regen oder Nebel richtig haarig wurde, oft eine Klasse für sich. Als das 24 Stundenrennen auf der Nordschleife einmal wegen dichten Nebels in der Nacht unterbrochen wurde, staunte der Walter: Was haben die denn alle?

Walter Röhrl und sein Co-Pilot Christian Geistdörfer standen 1984 bei der Rallye Monte Carlo ganz oben auf dem Treppchen
Walter Röhrl und sein Co-Pilot Christian Geistdörfer standen 1984 bei der Rallye Monte Carlo ganz oben auf dem Treppchen

Sein dramatischer Vorsprung bei der Monte 1980 resultierte nicht zuletzt daraus, dass vor allem die als gefährlich schnell eingestuften Kollegen Alén und Ari Vatanen auf Eis und Schneematsch zügig ausrutschten. Der gelernte Skilehrer Röhrl klagte, er hätte auch gern mal Spaß, würde auch gern mal wild wedelnd durchs weiche Weiß toben, aber er wusste, das wäre ineffizient. Also blieb der fast schon krankhafte Perfektionist weiter schnörkellos, musste seinen Genuss eben aus dem Betrachten der Zeiten ziehen, und als ihn am Ende auf dem Weg zur Siegerehrung im Fürstenpalast ein schlecht gebriefter Schupo den Weg versperrte, wäre er tief befriedigt und glücklich ohne das ganze Lametta- Brimborium heimgebrummt, hätte ihn nicht am Fuß des Felsens ein weiterer Polizist gestoppt und mit tiefen Dienern ob des Missverständnisses wieder nach oben komplimentiert. Er war plötzlich ein Celebrity wider Willen.

Die Legende von Arganil

Es half, dass die Rallye Portugal nur sechs Wochen später angepfiffen wurde, das sonst nicht so rallyeinteressierte Volk hatte den deutschen Triumph bei der berühmtesten Rallye der Welt noch nicht vergessen. Hatte Röhrl rund um Monte Carlo noch behauptet, er sei eigentlich das ganze Wochenende langsam gefahren, und den Kollegen damit noch nachträglich eins übergebraten, gab er auf der iberischen Halbinsel mal richtig Gas und verkloppte auf den 42 Kilometern von Arganil im dichten Nebel Portugal-Rekordsieger und Teamkollege Alén mit 4.41 Minuten. Noch heute fragen sich Konkurrenten und Chronisten, welche Abkürzung das deutsche Duo genommen haben könnte. Spätestens jetzt war der Walter heiliggesprochen.

Der erste deutsche Superstar auf die Rädern

Wer sehen kann, wo alle anderen blind sind, der kann auch übers Wasser gehen. Die Legendenbildung war endgültig abgeschlossen, als Röhrl mit zwei weiteren Siegen am Jahresende Weltmeister war. Das verwöhnte Schumi- und Vettel-Deutschland muss sich dazu vergegenwärtigen, dass zwar Wolfgang Graf Berge von Trips in den Sechzigern mal fast den Formel-1-Titel geholt hätte, ansonsten hatte die Nation bis dato einen einzigen Grand-Prix-Sieg auf der Haben-Seite, und der kam auf dem lebensgefährlichen Stadtkurs auf dem Montjuic in Barcelona durch Abbruch nach einem schweren Unfall zustande, so dass Sieger Jochen Mass von diesem statistischen Erfolg nie etwas wissen wollte. Und so war es dieser Walter Röhrl, der mit dem Monte-Sieg vor vier Jahrzehnten zum ersten deutschen Superstar auf vier Rädern wurde und den Rallyesport aus seinem Hinterwäldlerwinkel auf die große Bühne brachte.

Dass Audi schon in den späten Siebzigern mit einem 80 GLE auf internationaler Bühne probte, um sich auf den großen Schlag mit dem Quattro vorzubereiten, wirkt im Nachhinein fast wie eine Geheimoperation. Als Hannu Mikkola auf dem deutschen Allrad-Coupé beim Debüt in Monte Carlo 1981 nach dem ersten Tag mit sechs Minuten Vorsprung führte, war das in Deutschland keine große Geschichte. Die Quattro-Legende nahm hierzulande erst anderthalb Jahre später Fahrt auf, als sich der kurz zu Opel zurückgekehrte Röhrl abmühte, eine Frau zu schlagen. Im zum Krieg der Geschlechter hochgejazzten WM-Kampf gegen Audi-Amazone Michele Mouton, saß dann plötzlich auch mal ein Rallye-Fahrer im Aktuellen Sportstudio des ZDF und pries die Überlegenheit des Allradantriebs überzeugender an, als es jeder Audi-PRler gekonnt hätte.

Und dann kam Pikes Peak

Der Regensburger und die Ingolstädter fanden sich erst 1984, in der Nachbetrachtung aber scheint es, als hätten Quattro und Walter immer schon zusammengehört. Dabei fuhr er erst seinen vierten Monte-Erfolg 1984 mit den vier Ringen ein. Es folgten weitere Meilensteine wie 1987 der Himmelssturm auf den Pikes Peak, die Siege mit dem 200 Quattro 1988 in den Staaten oder die DTM-Gastauftritte mit dem Audi V8 als Zünglein an der Waage in den frühen Neunzigern.

Im Jahr 1987 erobert Walter Röhrl im Audi S1 quattro den Pikes Peak
Im Jahr 1987 erobert Walter Röhrl im Audi S1 quattro den Pikes Peak

Kein Rallyefahrer der Welt, auch nicht der Le- Mans-Zweite Sébastien Loeb war jemals so gut auf der Rundstrecke wie Walter Röhrl. In einem Duell mit Emerson Fittipaldi, kassierte der lange Bayer mit seinen Einssechsundneunzig im viel zu engen Grand-Prix-Renner drei Sekunden, auf der anschließenden Rallyestrecke demütigte er den Formel-1-Champion um 28 Sekunden. Auf der Nürburgring-Nordschleife war er als Rennfahrer, Instruktor oder Testfahrer so präsent, dass auf dem Parkplatz vor der Einfahrt zur Strecke gefühlt jedes dritte Auto ein Originalautogramm von ihm trägt.

Walter Röhrl und sein langjähriger Beifahrer Christian Geistdörfer
Walter Röhrl und sein langjähriger Beifahrer Christian Geistdörfer

Der Mann, den Niki Lauda ein „Genie auf Rädern“ nannte, ist heute 72, immer noch fit, immer noch schnell und immer noch der King ohne Thronfolger. „Es kann doch nicht sein, dass ich immer noch der bin, um den sich alles dreht“, klagt er regelmäßig. Aber nach ihm konnte kein deutscher Drifter je auch nur einen Finger an den WM-Pokal legen. Weltweit war niemand in diesem Sport seiner Zeit je wieder so voraus wie dieser Walter Röhrl, und das lässt sich maßgeblich durch ihn selbst auch nicht mehr ändern. Heute sind alle Fahrer fit wie die Turnschuhe, jeder hat einen ins feinste ausgearbeiteten Aufschrieb, und jeder fährt einen sauberen Strich und driftet nicht mehr als nötig.

In Italien ein Heiliger

Die in ihrer Erinnerung und ihren Schlagzeilen immer noch im zweiten Weltkrieg gefangenen Briten mögen genau zwei Deutsche: Boris Becker und Walter Röhrl. In Italien wird er als Heiliger verehrt, und selbst im kritischen Deutschland, das seine Helden so gern demontiert, ist der Walter ein immer noch wachsendes Monument. Unlängst organisierte WM-Junior Julius Tannert mit ihm einen Anekdoten-Abend im Horch-Museum. Es gab 450 Tickets für stolze 50 Euro. Tannert verrät: „Ich hätte 3.000 verkaufen können.“

Wer ihn bei Veranstaltungen sucht, wie letzten Winter beim Eisrennen in Zell am See, hat keine Mühe, den Walter zu finden. Man folge einfach der größten Menschentraube. Er ist in der Mitte.

TEXT Markus Stier

LESENSWERT.

WALTER.