Customized Cars. Darf’s ein wenig eigen sein?

Coachline Cars, individuell gefertigte Autos, erfahren derzeit eine Renaissance. Was vor rund 100 Jahren aus der Not heraus geboren wurde, erfährt nun größere Beliebtheit.

Ein Porsche 968 Turbo S ist selten. Nur 14 Serienfahrzeuge entstanden 1993. Doch das ist noch gar nichts im Vergleich zu persönlich individualisierten Autos, Einzelstücken von Serienherstellern, die auf erst auf Kundenwunsch entstehen. 

Marken wie Aston Martin, Audi, Bugatti, Ferrari, Lamborghini, Porsche und Rolls-Royce bieten solventen Kunden an, mit ihren Designern und Technikern ihr Traumauto bauen zu lassen. Es gibt heute kaum eine Luxus-Automarke, die kein Individualisierungsprogramm für Einzelstücke bietet – und die Nachfrage steigt. Auch wenn über die meisten Kunden wenig bekannt ist, tauchen ihre Sonderanfertigungen regelmäßig bei Schönheitswettbewerben auf – als Marketing-Werkzeug der Hersteller. Nach dem Motto: Seht her, wir können auch Einzelstücke per Hand fertigen. 

Dabei ist Coachline schon älter als die Automobilproduktion insgesamt. Coach steht für Kutsche oder Wagen und ist gleichzusetzen mit der Haute Couture im Modebereich. Europäische Karosseriebauer, Coachbuilder genannt, individualisierten anfangs Kutschen und stellten ab den 1920er-Jahren exklusive Aufbauten für verschiedene Autohersteller her. Kunden mit einem besonderen Geschmack kauften das Fahrgestell mit Motor und Getriebe vom Autohersteller und ließen die Karosserie-Betriebe eine passende, elegante Hülle aus Blech entwerfen und bauen. Ganz individuell. Es war die große Kunst im Automobilsektor. 

Bei den meisten Herstellern hat Customizing und Individualisierung eine sehr lange Tradition. Bugatti individualisiert seit über 100 Jahren seine Autos, Mercedes-Benz bereits beim Mercedes-Simplex 60 PS von 1903. Das Modell bauen die Schwaben mit unterschiedlichen Ausstattungen, Form und Funktionen meist nach Vorstellungen der Kunden. Ab 1932 etabliert Mercedes die Abteilung „Sonderbau“. 

Porsche reagiert Anfang der 1960er-Jahre beim 356 B Coupé individuell auf einen Kunden. Der Großindustrielle Alfred Krupp wünscht sich einen Heckscheibenwischer, den es vorher nicht gibt. Sein Wunsch wird erfüllt, weitere folgen. So wächst die einst kleine Abteilung – bis zur Abteilung Porsche Exklusive Manufaktur und dem seit drei Jahren bestehenden Programm „Sonderwunsch“.

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Die Idee: Kunden, die im Katalog nicht fündig werden, können sich weltweit über ihren Händler an die Zentrale in Stuttgart wenden und sich bei Farben und Materialien austoben – sofern sie technisch realisierbar sind und nicht gegen den Artenschutz verstoßen. Profan? Für einen besonderen Lack, der außerhalb der Reihe fällt, zahlen Kunden bis zu 60.000 Euro extra. 

100.000 Euro für die Idee

Sollte das nicht reichen, lässt sich bei gut gefüllter Brieftasche auch ein eigenes Modell bauen. Allerdings verlangt Porsche für die Ideenentwicklung und die Machbarkeitsstudie 100.000 Euro, anschließend folgt ein Vertrag mit einem Preisschild für die Umsetzung. Je nach Aufwand kann die Idee fürs eigene Auto bis zu ein paar Millionen Euro kosten. Dafür gehört der Auftraggeber richtig zum Porsche-Team und begleitet als Projektmanager alle Schritte seines Autos – der Kunde wird zum Porsche-Mitarbeiter. 

Das scheint die meist zurückhaltenden Kunden weltweit zu überzeugen. Auch, wenn sie auf einen der begehrten Entwicklungsslots bis zu sieben Jahre warten müssen – Porsche kann sich vor Aufträgen kaum retten. Das neueste Fahrzeug dieser Reihe wird im August bei der Montery Car Week in Kalifornien präsentiert – ein neues, historisches Modell, dass es vorher nicht gab und nun nachträglich auf Kundenwunsch ganz offiziell als Porsche gebaut. 

Dass die Nachfrage das Angebot übersteigt, ist durchaus gewollt. Denn ein Einzelstück steigert die Exklusivität und auch den Preis. „Für Sammler gilt bei Autos vielfach die Formel: je exklusiver desto attraktiver“, sagt Professor Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management an der Fachhochschule Wirtschaft (FHDW) in Bergisch Gladbach bei Köln. Dazu zählt neben dem reinen Einzelstück auch die Stärke der Veränderungen gegenüber der Serie. Nur ein paar Farbänderungen und Initialen auf den Kopfstützen bringen noch keine Wertsteigerung. 

In den vergangenen Jahren entstanden nach dieser Formel ein paar der exklusivsten Fahrzeuge überhaupt, die von besonderen Abteilungen kreiert wurden. 

Wie beim Aston-Martin-Programm Q – nach dem Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des britischen Geheimdienstes. Für einen Fan baute die Abteilung „Q“ 2020 den Aston Martin Victor. Beim extrem breiten und ultraflachen Coupé orientieren sich die Designer an Aston-Martin-Modellen der 1970er-Jahre wie dem DBS und V8 Vantage und kombinierten die Idee mit moderner Technik. Die Restomod-Version setzt dabei auf das Carbon-Monocoque und V12-Motor mit 7,3 Litern Hubraum vom One-77 – mit manuellem Getriebe. Dank Motortuning von Cosworth kommt der Victor auf 836 PS und 821 Newtonmeter. Allerdings nur auf privatem Grund, denn das von Hand gebaut Einzelstück besitzt keine Straßenzulassung. 

Ein Bugatti-Enthusiast lässt sich 2019 über mehrere Monate das Einzelstück Bugatti La Voiture Noire anfertigen – für 16,7 Millionen Euro. Das „schwarze Auto“ mit 8,0-Liter-16-Zylindermotor mit 1.500 PS ist eine Hommage an den Bugatti Type 57 SC Atlantic von Jean Bugatti, dem Sohn des Firmengründers Ettore Bugatti. Als Design-Merkmal dient ein Kamm, der senkrecht vom Scharnier der teilbaren Motorhaube bis zum Heckende des schwarzen Autos verläuft.

Schwarz, ein Farbton, der gern für Einzelfahrzeuge genommen wird. Reifenhersteller Fulda beauftragte Mercedes-Benz mit dem Bau des flachen Sportcoupés Maybach Exelero im Stile eines Batmobiles. Der 5,9-Liter-V12 mit 690 PS katapultiert den böse aussehenden Exelero in 4,4 Sekunden von 0 auf 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei rund 350 km/h. Heute steht das Einzelstück im Nationalen Automuseum – The Loh Collection im hessischen Dietzhölztal-Ewersbach.

Nobel-Hersteller Rolls-Royce spricht zwar nicht über seine Auftraggeber, die Modelle der Abteilung „Bespoke“ stellen sie aber häufig bei Veranstaltungen aus. Bespoke, das bedeutet Maßanfertigung, und so können künftige RR-Besitzer bei der Farb- und Materialwahl frei wählen, Initialen oder Wappen in den Kopfstützen und hochflorigen Fußmatten sticken lassen. Oder sich eben eine neue Karosserie entwerfen lassen.

Einer der Höhepunkte der vergangenen Jahre: das Modell „La Rose Noire“, ein von einer seltenen, schwarzen Baccara-Rose inspiriertes Cabrio mit aufwendigem Holzparkett, spezieller Lackierung, integrierter Uhr von Audemars Piguet und einer passenden Champagner-Truhe. Die Cockpitverkleidung sieht so aus, als hätte man Rosenblätter im Fahrzeug verstreut. Rolls-Royce passt die Karosserie nahezu vollständig an und kreiert damit aufwendig ein neues Modell für einen RR-Liebhaber. Das Einzelstück kostet rund 25 Millionen Euro.

Doch es geht auch flotter, vor allem für Rennstrecken. Bei Lamborghini schneidert die Rennsportabteilung Squadra Corse gemeinsam mit dem Lamborghini Centro Stile Karosserien auf Wunsch. Als erstes One-off-Modell gilt der Supersportwagen SC18 (SC für Squadra Corse), der für die Rennstrecke konzipiert wurde.

Mit dem Lamborghini SC20 erfüllten der Sportwagenhersteller einem Kunden einen ganz besonderen Wunsch: einen offenen Super-Spyder ohne Windschutzscheibe. Als Antrieb dient ein 6,5-Liter-V12 mit 770 PS, der den Zweisitzer auf bis zu 350 km/h beschleunigt. Wie bei Porsche Sonderwunsch ist der Kunde nicht nur Besteller, sondern Mitglied des Entwicklungsteams. Von der ersten Skizze bis zur Fertigung bindet Lamborghini Kunden ein, um sein Einzelstück zu schaffen. 

Auch Ferrari kann treuen Käufern anscheinend keinen Wunsch für Rennstrecke oder Boulevard abschlagen. Der Sportwagenhersteller konzipiert 2018 für einen Liebhaber der Marke den SP38 „Deborah“, eine Hommage an den F40 auf Basis des 488 GTB. Ferrari entwirft das Einzelstück völlig neu. Als Antrieb dient ein 3,9-Liter-V8-Motor mit Biturbo und 670 PS. Damit beschleunigt das Coupé in 3 Sekunden auf 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei über 320 km/h. 

Doch es muss nicht immer ein Luxus-Sportwagen für die eigene Sammlung sein. Drift-König Ken Block lässt sich 2022 von Audi den S1 e-tron quattro Hoonitron bauen. Das vollelektrische Einzelstück für das „Elektrikhana-Video“ in Las Vegas lehnt sich optisch an Walter Röhrls S1 Pikes Peak Rennwagen von 1987 an – inklusive extremem Widebody-Kit mit mächtigen Flügeln. Der S1 e-tron quattro Hoonitron wird von zwei E-Motoren angetrieben, die Leistung liegt schätzungsweise bei 700 PS und dank Getriebeuntersetzung von 12:1 das Drehmoment bei 6.000 Nm! Kosten für Entwicklung und Bau: angeblich rund zehn Millionen Dollar. 

Genau das ist der Haken bei allen Einzelstücken – sie sind unfassbar teuer. Dennoch schätzen Experten, dass die Individualisierung auf dem Niveau weiter zunehmen werden. Durch neue Fertigungsmethoden wie 3-D-Drucker lassen sich individuelle Wünsche und Einzelanfertigungen künftig leichter produzieren – und so günstiger ein Unikat herstellen. Mehr Luxus geht nicht.

TEXT Fabian Hoberg für WALTER #21

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