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Lamborghini und seine legendären Zwölfzylinder.

Im kommenden Jahr wird Lamborghini seinen ersten Hybridmotor in einem Serienmodell einführen und sich vom reinrassigen V12 verabschieden, der in vielen seiner wichtigsten Modelle über Jahrzehnte hinweg Geschichte geschrieben hat. Grund genug, nach Italien zu reisen, um das edle Dutzend zu fahren, zu fühlen und zu hören - in so bedeutenden Fahrzeugen wie dem Countach, einem Diablo, dem LM-002 und dem jüngsten Aventador.

Ferruccio Lamborghini wurde 1916 als Sohn einer gut gestellten Familie geboren, die ihn in den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts zu einem industriellen Hersteller von Traktoren und Klimaanlagen in der Region Bologna machte. Als das Geschäft florierte, legte dieser sich eine Sammlung von Luxusautos zu, von denen er träumte, sie eines Tages selbst herstellen zu können.

Aus dem Wunsch wurde bald eine Obsession, nachdem er sich Anfang der 60er Jahre bei Enzo Ferrari über einen Defekt an seinem Ferrari beschwert hatte. Dieser teilte Ferruccio von oben herab, er verstehe nichts von Autos und das Beste für ihn sei, einen seiner Traktoren zu fahren. Der Rest ist Geschichte und obwohl Maranello und Modena nicht mehr als 30 Kilometer voneinander entfernt sind, hinderte das die beiden Orte nicht daran, zur Geburtsstätte einiger der meistverehrten Supersportwagen zu werden.

Ferruccio war Autodidakt in Sachen Mechanik und baute seine Kenntnisse weiter aus, als er als Gefangener im Zweiten Weltkrieg in England an Militärmaschinen arbeitete. Das langte jedoch nicht ganz, einen perfekten Motor zu konstruieren. Er nutzte den Mangel an Harmonie zwischen Enzo Ferrari und dem begabten Ingenieur Giotto Bizzarrini als Vater des Ferrari 250 GTO, um letzteren mit der Leitung des ersten Lambo-Projekts zu beauftragen: der 350 GT wurde 1963 vorgestellt – angetrieben von einem 3,5-Liter-V12-Triebwerk und einer Anfangsleistung von 280 PS. Bizzarrini war sehr stolz auf seine Schöpfung, einen echten Rennmotor, von dem er behauptete, er habe eine Spitzenleistung von 400 PS bei 11.000 U/min, aber die offiziell angegebene Leistung wurde auf 280 PS begrenzt, nachdem Bizzarrini und Dallara ihn für die Anwendung in einem Gran Touring gezähmt hatten, um einen ruhigeren Lauf und eine größere Haltbarkeit zu gewährleisten.

Dies war die Grundlage für jenes V12-Triebwerk, das nicht weniger als 48 Jahre lang von 1963 bis 2011 in verschiedensten Lamborghini-Fahrzeugen zum Einsatz kam. Sein technischer Wert wird dadurch belegt, dass der Propeller mit seinen verschiedenen Entwicklungsstufen der Weltrekordhalter für Langlebigkeit ist. Im Laufe seines Lebens wurde das Volumen des Motors um 44 Prozent auf 6,5 Liter Hubraum vergrößert und die Leistung auf bis zu 670 PS im Murcielago mehr als verdoppelt. Es heißt, dass Ferruccio Lamborghini Bizzarrini eine Prämie für jedes PS gewährte, das der Motor mehr leistete als der Ferrari-Konkurrent.

Die wichtigsten Modelle mit diesem Motor waren neben dem 350 GT (1964-66) der Miura (1966-73), der Countach (1974-90), der LM-002 (1986-93), der Diablo (1990- 2001) und der Murcielago (2001-10). Als der Murcielago auf den Markt kam, war Lamborghini bereits von Audi aufgekauft worden (1998), doch die deutsche Marke, allemal für ihre Ingenieurskunst bekannt – beschloss diesen weiter zu verwenden. 2011 wurde der neue V12-Motor für den Aventador vorgestellt, dessen Produktion Ende 2022 ausläuft, was bedeutet, dass sein Lebenszyklus mit nur zwölf Jahren wesentlich kürzer ist als der seines Vorgängers. Die Notwendigkeit, die immer strengeren Emissionsnormen zu erfüllen, macht es erforderlich, dass im Jahr 2023 ein neuer elektrifizierter Antriebsstrang im Nachfolger des Aventador debütieren wird.

Dieser V12 der zweiten Generation behielt 6,5 Liter Hubraum, verfügte jedoch über gleichermaßen längere wie schmalere Zylinder, ein niedrigeres Verdichtungsverhältnis und ein um 18 kg geringeres Gewicht (235 kg). Außerdem erhielt er eine Trockensumpfschmierung mit einer viel geringeren Höhe (120 gegenüber 195 mm), was laut Maurizio Reggiani zu einer erheblichen Verringerung des Schwerpunkts des Fahrzeugs führte. Als die Lamborghini-Ingenieure das erste Briefing für die Entwicklung des neuen Motors erhielten, wurden nur drei Hauptmerkmale vorgegeben: dass es sich um einen V12-Motor handeln würde, der natürlich angesaugt würde und dass der Winkel zwischen den beiden Zylinderbänken 60 Grad betragen würde. Der Verzicht auf einen Turbo hatte zwei Hauptziele: ein progressiveres Ansprechverhalten und höhere Spitzendrehzahlen.

Da der Lamborghini V12 mit 60 Jahren in den Ruhestand geht, gibt es nichts Besseres, als nach Bologna zu fahren und eine Reihe von Routen mit vier der kultigsten Modelle zu erleben. Im Gegensatz zu jenen Namen, die für die Lamborghini-Modelle nach dem 350/400 GT gewählt wurden und die eine Hommage an einige der mutigsten Stiere der Geschichte darstellten, war Countach ein Wort, das in einem piemontesischen Dialekt verwendet wurde, um eine Reaktion des Erstaunens oder der Ungläubigkeit auszudrücken. Der 1973 vorgestellte Wagen hatte seine Premiere mit den sich öffnenden Scherentüren, die ihm zusammen mit der streng geformten, von zwei Hauptlinien geprägten Karosserie so viel Ruhm einbrachten, dass er noch heute als eines der Meisterwerke des Automobildesigns aller Zeiten gilt, ein Produkt des Genies von Marcello Gandini und dem Ingenieur Paolo Stanzani.

Ferruccio war ein überzeugter Anhänger der Gran Turismos, aber der Erfolg des Miura bewies, dass es ein enormes Potenzial für zweisitzige Coupés gab. Der Countach behielt die Position des Motors in der Heckmitte und den Heckantrieb bei, verbesserte aber Aspekte wie die Stabilität bei hohen Geschwindigkeiten und behob die Probleme des Übersteuerns beim Loslassen des Gaspedals sowie die unausgewogene Gewichtsverteilung und die Probleme mit der Motorkühlung durch den fortan längs eingebauten Motor und nicht mehr quer, wie im Miura.

Die erste Serie des LP400 wurde mit einem 3,9-Liter-Motor mit 375 PS ausgestattet und bis zur Einstellung der Produktion im Jahr 1990 mehrfach verbessert. Der gefahrene Countach „25th Anniversary“ war das letzte Exemplar, das im Werk Sant’Agata Bolognese zusammengebaut wurde, ausgestattet mit einem 5,2-Liter-V12, der 455 PS leistete. Das Einsteigen in ein derart flaches Auto mit Scherentüren erfordert ein gewisses Maß an Elastizität, aber das ist nur ein Vorspiel für das, was folgt. Der Wählhebel des Fünfgang-Schaltgetriebes erfordert nicht nur Kraft, sondern auch einen festen Griff, um ihn über die sechs Metallschienen zu bewegen. Das Gleiche gilt für die sehr schwere Kupplung und das Lenkrad, die noch auf die Einführung der Servolenkung warten. Das ohrenbetäubende Geräusch des V12, die sengende Hitze in dem niedrigen Cockpit und die grandiose Beschleunigung nötigen jedem Piloten ungeahnten Respekt ab.

Der Diablo (1990-2001, 2903 produzierte Exemplare) als Nachfolger des Countach fühlt sich wie der Sprung in eine andere Zeit an. Ursprünglich von Gandini entworfen und von Chrysler-Designer Tom Gale fertiggestellt, gilt er als Sportwagen mit italienischen Linien und einem amerikanischen Touch. Er war der erste Sportwagen von Lamborghini mit Allradantrieb in der VT-Version aus dem Jahr 1993 und der erste, der über 300 km/h – genauer gesagt 330 km/h – schnell war. Abgesehen von der besseren Straßenlage, verändert die Servolenkung das Fahrgefühl gewaltig. Mit einem halben Liter mehr Hubraum als beim Countach und der elektronischen Mehrpunkteinspritzung stieg die Leistung um 95 auf imposante 550 PS. Kein Wunder: im Alltagsbetrieb fühlt er sich näher an einen modernen Supersportwagen denn je und die Beschleunigung ist mit 3,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h spektakulär.

Ein kleiner Schritt zurück in die Vergangenheit ist das Erlebnis des Offroad-Ungetüms LM-002, dem Großvater der Luxus-SUVs, die heute auf allen Straßen der Welt zu finden sind. „In den Produktionsjahren des Countach sah Lamborghini eine Marktchance, einen militärisch anmutenden Geländewagen (LM: Lamborghini Militare) zu bauen, und entwarf diese Art von Kiste auf Rädern, die nichts mit ihren anderen Autos zu tun hatte. Das röhrenförmige Fahrgestell wurde beibehalten, was bei einem Fahrzeug mit diesen Eigenschaften beispiellos und normalerweise Sportwagen vorbehalten ist, wie Lamborghini-Experte Massimo Delbò  erzählt.

Lamborghini verwendet den 5,2-Liter-V12 des Countach mit 20 PS weniger, um die Sportwagenkunden nicht zu vergraulen, dreht ihn um 180 Grad und pflanzt ihn unter der vorderen Motorhaube ein. Ein Muss: Allradantrieb mit Zentraldifferential und Untersetzungsgetriebe. Einige Wagen waren mit Vergasern ausgestattet – erkennbar an dem ausgeprägten Buckel auf der Motorhaube – andere mit Einspritzung, aber die Gesamtproduktion betrug gerade einmal 328 Stück. „Er war damals ein kommerzieller Flop, aber heute ist er ein Relikt als Klassiker, mit einem Marktwert von über 300.000 Euro, dreimal so viel wie sein Neupreis in den 80er Jahren“, versichert Delbò.

Ein weiterer Zeitsprung und das Tor zur Neuzeit ist der letzte reine V12-Motor in der Geschichte von Lamborghini, der in der letzten Aventador-Serie mit dem passenden Namen Ultimae eingebaut ist, wo er unglaubliche 120 PS/Liter spezifische Leistung bietet und somit 780 PS, die aus 6,5 Litern Hubraum gewonnen werden. Der Ausdruck, mit dem Lamborghini-Chefdesigner Mitja Borkert die Linienführung beschreibt, könnte treffender kaum sein: „Das Außendesign ist inspiriert von den Konturen von Raumschiffen, Kampfflugzeugen und Giftschlangen.“

Ein leichter Druck auf den bedrohlichen roten Knopf auf der Mittelkonsole und es ist, als ob der rote Umhang des Kämpfers in der Arena zu nahe an die Schnauze dieses wütenden Stiers gehalten wurde, der im Begriff ist, alles zu zerstören, was sich in den Weg stellt. Das Brüllen ist dabei nicht viel mehr als ein vielsagender Vorbote für das, was einen Sekunden später in den engen Alcantara-Stühlen erwartet, wenn einem die Gesichtszüge förmlich entgleisen, wie es nur ein V12 zu leisten imstande ist.

TEXT Joaquim Oliveira für WALTER

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