VW Caddy I. Autoklassiker.

Es gibt größere Autolegenden, begehrtere Klassiker und fraglos sehenswertere Designs. Doch nicht nur in Europa gehört der VW Caddy seit mehr als vier Jahrzehnten fest zum Straßenbild. Gerade die erste Generation ist – entsprechend gepflegt – ist längst ein begehrter Oldtimer.

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Wer nach einem ungewöhnlichen Oldtimer fragt, der bekommt zahllose Antworten. Doch der VW Caddy dürfte kaum dazugehören. Dabei gibt es den Caddy, einst als gewerblicher Ableger des ersten Golf ersonnen, bereits seit dem Ende der 1970er Jahre. Gedacht war er seinerzeit nicht nur für Europa, sondern in erster Linie, um auf dem amerikanischen Kontinent Fuß zu fassen. Dort trug er die Bezeichnung VW Rabbit Pick-Up, der im damaligen US-Werk Pennsylvania mit rechteckigen Frontscheinwerfern vom Band lief. Seinerzeit waren die mächtigen Pick-Ups in den Vereinigten Staaten eine genauso begehrte Nummer wie heute. 

Ein paar Klassen kleiner versprachen sich die Verantwortlichen aus dem Volkswagen Konzern eine entsprechend große Nachfrage bei den nordamerikanischen Kunden. Der Caddy hatte bis zu seiner Einstellung auf dem US-Markt im Jahre 1992 / 1993 jedoch keine Chance auf einen Legendenstatus wie der Bully, den Volkswagen gerade als Samba-Variante zu einem Kultauto der Surfer aufsteigen ließ. Der Caddy war nie ein Beau und mimte mehr den ehrlichen Arbeiter. In Nordamerika tat er sich schwer, weil er einfach zu klein war, keinen Allradantrieb hatte und auch bei der Nutzlast nie an seinen größeren Kollegen von Dodge, Chevrolet oder Ford kratzen konnte.

In Europa sah die Situation ganz anders aus, denn der 4,37 Meter lange VW Caddy, ab 1983 in der Nähe von Sarajevo gefertigt, bediente ein Segment, dass es an sich gar nicht gab. Die Zahl der Pick-Ups war mehr als überschaubar und dann sprach der zweisitzige Lademeister mit der kastigen Golf-Front ganz andere Kunden an als beispielsweise die Mercedes G-Klasse, die Ende der 1970er und Anfang der 1980er auch als Pick-Up zu bekommen war. Doch Malermeister, Installateure, Gärtnereien oder Lieferdienste bekamen nach und nach Spaß an dem vielfältig einsetzbaren Pick-Up, der mit der geschlossenen Ladekabine genauso zum Transport von Rollstühlen wie Blumenkisten taufte. 

Das Platzangebot auf der ebenen Ladefläche war deutlich größer als das der kleinen Fahrerkabine, wo angesichts der kleineren Türen des Golf-Viertürers nicht nur groß gewachsene Insassen wenig Komfort genießen konnten. Etwas besser sah es bei der fest installieren Ladekabine aus, denn bei diesen Fahrzeugen entfiel die Rückwand zur Ladefläche, was noch mehr Platz brachte als die optional erhältliche, nach hinten gewölbte Kunststoffheckscheibe. Sitze, Instrumente und Bedienung: alles vom Golf I. 

Der Caddy erfreute sich speziell bei Organisationen wie dem Malteser Hilfsdienst, Rotem Kreuz oder Johanniter Unfallhilfe großer Beliebtheit für Behindertenfahrdienste, während die Post den Caddy gerne als variablen Lieferwagen nutzte. Die meisten VW Caddys waren mit dem müden 1,6-Liter-Diesel ohne Turboaufladung unterwegs, der überschaubare 40 kW / 54 PS leistete, was im Gewerbealltag ausreichte und die Betriebskosten auf ein Minimum senkte. Nur wenig dynamischer fahren sich auch nach heutigen Gesichtspunkten die beiden Vierzylinder-Benziner mit 1,5 und 1,6 Litern Hubraum, die es auf 51 kW / 70 sowie 55 kW / 75 PS brachten. Nur wenige Modelle sind bis heute mit dem drehmomentstärkeren 1,8-Liter-Benziner des Golf Cabrios unterwegs, der 70 kW / 95 PS leistet und die bis zu 620 Kilogramm Nutzlast nennenswert flotter transportieren lässt. Mehr als 160 km/h Spitze sind je nach Aufbau jedoch ohnehin nicht drin. 

Nachdem die Produktion in Europa 1992 durch den Jugoslawien-Krieg beendet werden musste, wurde die erste Caddy-Generation noch bis zum Jahre 2006 in Südafrika als Nutzfahrzeug produziert; bisweilen sogar als 90 kW / 122 PS starke Sportversion. Auch in Europa wurde das einstige US-Modell über die Jahre zunehmend zum Tuningstar. Hierbei profitiert der Doppelsitzer bis heute davon, dass nicht nur bei Antrieb, Karosserie und Innenraum die günstigen Teile des VW Golf I genutzt werden konnte. Einige Fans verliehen dem VW Caddy durch GTI- und spätere GTI-16V-Triebwerke bis zu 140 PS wahre Flügel. 

Während die Produktion der ersten Generation nach Südafrika wanderte, wurde bereits 1995 der Caddy II eingeführt, der technisch jedoch auf dem Seat Inca basierte, der im spanischen Martorell vom Band lief. Seinen einzigartigen Charme verlor der Caddy II damit ebenso wie der Caddy, der ab 1996 parallel ein Zwillingsmodell des Skoda Pick-Up wurde. 

Erst ab 2003 wurde der VW Caddy wieder zu einem zentralen Modell der Nutzfahrzeugsparte von Volkswagen. Über die Jahre wurde es zum kompakten Familienvan, der unter anderem auch als Camper oder Allradfahrzeug zu bekommen war. Seine Gegner in den frühen 2000er Jahren: Modelle wie Peugeot Partner oder Renault Kangoo. Die neueste und fünfte Generation des VW Caddy wurde 2020 vorgestellt. Einen guten gebrauchten Caddy der ersten Generation zu finden, ist nicht einfach. Das Angebot – gerade an unverbastelten Fahrzeugen – ist dünn und beginnt bei 6.000 Euro. Für einen gepflegten Caddy – unter Umständen leicht veredelt – sind schnell 12.000 bis 15.000 Euro fällig.

TEXT Stefan Grundhoff

LESENSWERT.

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