Es ist dieses Gefühl, das jeder von uns kennt. In jungen Jahren verknallt man sich plötzlich in eine Sache, die unerreichbar erscheint. Sie nistet sich tief im Hinterkopf ein, macht es sich dort gemütlich und begleitet einen als leise Sehnsucht über viele Jahre. Sie ist dabei nie aufdringlich, aber trotz aller neuen Erlebnisse und Erfahrungen immer irgendwie da, bis zu jenem Tag, wo sie wieder die Hauptrolle übernimmt. Man ist reifer geworden, steht mit beiden Beinen fest im Leben und in genau diesem Moment wird aus einem alten Traum Wirklichkeit. Alles fügt sich. Alles passt. Und man spürt: Das hier – das war schon immer für einen bestimmt.
Auch Maik Werner kennt diesen einen Moment. Es ist kurz nach dem Mauerfall, als der damals 18-jährige Thüringer seine Lehre als Klimatechniker in Aschaffenburg beginnt. Die Berufsschule liegt in Gelnhausen – und während er gedankenverloren aus dem Fenster starrt, trifft es ihn. Da steht er. Ein Mercedes 190E Evo II. Ein Mercedes, wie ihn die Welt vorher noch nie gesehen hatte. Breite Backen, wuchtige Frontschürze und ein gewaltiger Heckflügel, der in einigen Ländern die Zulassungsvorschriften sprengt. Er ist das Basismodell für den DTM-Renner, mit dem man beim Daimler endlich vom Opa-Image wegkommen wollte. Für viele wird der Evo II zum Traum. Auch für Maik, der mit seinem papyrusfarbenen Trabant Kombi gen Westen reiste.
Der alte Traum vom Evo II
Viele Jahre später haben sich die Vorzeichen längst geändert. Maik Werner ist inzwischen selbstständig und hat sich mit seiner Firma erfolgreich etabliert. Doch eines ist geblieben: die Liebe zu Mercedes – eine Leidenschaft, die ihm schon früh von der Westverwandtschaft aus Duisburg mitgegeben wurde. „Allein der Geruch in dem Auto – das war für mich der Westen“, erinnert er sich.
Inzwischen stehen mehrere Sterne in seiner Garage, doch einer fehlt noch immer – die alte Jugendliebe. Der Evo II. Doch das sollte sich ändern und wie das oft so ist mit besonderen Dingen im Leben: Sie passieren unerwartet. Im Jahr 2022 feiert der sogenannte „Baby-Benz“ seinen 40. Geburtstag. Auch Maik bekommt die Geschichten rund um das Kultmodell immer wieder angezeigt. „Auf einmal waren alle Emotionen von damals wieder da“, sagt er. „Jetzt wollte ich ihn wirklich – meinen eigenen Evo II.“
Die Evolution des Baby-Benz
Der Mercedes 190 E 2.5-16 erschien 1988 als sportliche Weiterentwicklung des 16V-Vorgängers. Mit 2,5-Liter-Vierzylinder und 195 PS war er die Basis für den Einstieg in die DTM. 1989 folgte der Evolution I, limitiert auf 502 Stück – mit kürzerem Radstand, breiterer Spur und optimierter Aerodynamik. 1990 kam der legendäre Evo II: nochmals 502 Stück, 235 PS, riesiger Heckflügel, verbreiterte Kotflügel und ein voll einstellbares Fahrwerk. Gebaut für die Rennstrecke, wurde er zur DTM-Ikone und ist heute eines der begehrtesten Youngtimer-Modelle mit Stern.
Auftritt Dirk Schauf. Ein Name, der für perfekt aufgebaute Audi Quattro steht – und für eine klare Haltung zu Mercedes: „Die fahren sich viel zu weich! Da steig ich normalerweise nicht mal ein.“ Es sollte anders kommen, denn die beiden verbindet eine lange Geschichte. Über 30 Jahre ist es her, dass Maik als junger Lehrling bei Dirk im Laden stand – damals noch auf der Suche nach einem Kassettenradio für den Zweier-Golf. „Vier Monate hast du damals für so ein Pioneer gespart!“, sagt Maik. „Zu Dirk sind alle gefahren, der war bekannt wie ein bunter Hund.“
Für ihn stand von Anfang an fest: Wenn jemand seinen Evo-II-Traum umsetzen sollte, dann nur Dirk. „Die Detailtreue, die er in seine Autos steckt – das ist echte Liebe“, sagt er überzeugt. Also schmieden die beiden einen Plan. Grober Zeitrahmen: mindestens ein Jahr und den Anfang macht die Suche nach dem richtigen Basisfahrzeug. Fündig werden sie in Berlin – ausgerechnet im Bestand von Christian „Flake“ Lorenz, dem Keyboarder von Rammstein. Dort steht ein Mercedes 190 E 2.5-16 – genau das Modell, das die Ansprüche des Thüringer Duos erfüllt.
Mit diesem ersten Sondermodell wagte sich Mercedes 1989 in Sachen Motorsport wieder aus der Deckung und wollte in der populären DTM die Konkurrenz aufmischen. Technische Grundlage der Rennserie ist das Gruppe-A-Reglement. Dieses schrieb als Basis für Rennwagen grundsätzlich Serienfahrzeuge vor, die mindestens 5.000 Mal verkauft worden sind. Die DTM ließ darüber hinaus Evolutionsversionen zu, von denen nur 500 Stück gebaut werden mussten. Das aber nur kurz zur Auffrischung des Gedächtnisses.
Wenn schon, denn schon
Bei Erich Göckel bestellt man den Evo II-Bodykit, anschrauben und … ja, okay. Sieht schon gut aus. Aber wenn’s perfekt werden soll, muss der Wagen komplett neu lackiert werden. Findet zumindest Maik. „Lackieren!“, ruft Dirk dazwischen. „Lackieren! Er weiß doch gar nicht, wovon er dabei redet.“ Das Gemüt unseres Tausendsassas kommt jetzt spürbar aus dem Drehzahlkeller und nimmt zügig Fahrt auf. „Die Leute denken immer, das ist alles schnell gemacht. Dabei musste man alles auseinandernehmen, zig Kleinteile, da klemmt’s, dort klemmt’s, Scheibengummis, Dichtung, haste nicht gesehen. Das ist dann schnell mal eine Zehn oder Zwölf, was sowas kostet. Ach hör doch auf!“ Aber das Ergebnis kann sich doch sehen lassen? „Ja, das stimmt“, gibt Dirk zu. Trotzdem muss er sich erst einmal was zum Trinken holen.
Ähnliches bei der Polsterung. Eine kleine Naht auf der Rücksitzbank ist offen, der „Lederfuzzi“ (O-Ton Dirk) sagt, mach ich euch, doch beim Abziehen entdeckt man Schimmel. „Dann gleich alles neu“, sagt Maik und streicht mit Genugtuung über den feinen Bezug, der in dieser 1A Qualität in keinem 190E zu finden sein dürfte.
Kommen wir zu einer Sache, über die wir unbedingt sprechen müssen: die 19-Zoll-Räder. Maik grinst, Dirk schnauft. „Ein Spleen von mir. Die mussten einfach sein“, gibt Maik zu. Also: ein kürzeres Differenzial rein, damit der Evo am Ende nicht Richtung 300 km/h marschiert, dazu den Tacho anpassen. „Ein Gefummel bei dem Auto“, stöhnt Dirk. Und als wäre das nicht genug, lässt er bei der ganzen Aktion auch noch seine Werkstattlampe unterm Wagen stecken. Noch heute ein Schenkelklopfer zwischen den beiden. „Die habe ich erst zu Hause auf der Hebebühne gefunden“, feiert Maik. „Und Dirk hatte da schon ordentlich Testkilometer abgespult.“
„Jetzt fährt das Ding auch so’n bisschen, wie’s aussieht.“
Schauf ist nicht nur froh, dass seine Lampe wieder aufgetaucht ist, sondern vor allem, dass sein Kunde rundum zufrieden ist. Damit die Kraft des Vierzylinders nicht nur sauber mit Fünfgang-Getriebe portioniert werden, sondern auch sicher auf die Straße kommen, verbaute Dirk ein neues Fahrwerk mit KW-Dämpfern – und nahm die Abstimmung höchstpersönlich in die Hand. „Ein bisschen Erfahrung hab ich ja!“, sagt er. Auf den kurvigen Strecken im Thüringer Wald machte er aus dem Evo II das, was Maik heute stolz einen „echten Kurvenräuber“ nennt. Oder wie Dirk es mit gewohntem Understatement formuliert: „Jetzt fährt das Ding auch so’n bisschen, wie’s aussieht.“
Müssen wir erwähnen, wie viel Aufwand unter der Haube betrieben wurde? Ja? Aber gerne doch: Der neu aufgebaute Motor bekam einen überarbeiteten Zylinderkopf, geschmiedete Kolben, eine höhere Verdichtung, eine Kolbenbodenkühlung, natürlich schärfere Nockenwellen und einen feingewuchteten Kurbeltrieb. Dazu noch eine Einzeldrosselanlage mit Trijekt-Steuerung – „kenn ich von meinen Audis“, sagt Dirk – sowie eine eigens angefertigte Carbon-Airbox. Die Software wurde aktuell auf 250 PS abgestimmt – nicht so schlecht für einen Vierzylinder-Sauger. „Naja, sonst würde der ja fahren wie ein Mercedes“, grinst der Mann mit den vier Ringen auf der Brust.
HWA EVO
Der HWA EVO ist eine limitierte Neuinterpretation des legendären Mercedes 190 E 2.5-16 Evo II. Entwickelt wurde er von HWA, dem Motorsport-Partner hinter AMG und der DTM-Dominanz der 90er. Unter der legendären Karosserie steckt moderne Technik: ein 3,0-Liter V6-mit über 450 PS, sequenzielles Getriebe, Carbon-Chassis und moderne Fahrwerkstechnik. Der Preis? Rund 849.660 Euro. Alle 100 Exemplare sind bereits verkauft.
Damit die Fuhre nicht nur ordentlich anschiebt, sondern auch entsprechend verzögert, gibt es eine neue Bremse, die Schauf extra gebaut hat und selbst bei Evo II-Spezialist Göckel auf großes Interesse stieß. Von dort kommt auch die zweiflutige Auspuffanlage, die deutlich hörbar an alte DTM-Zeiten erinnert. „Das ist einfach unbeschreiblich! 9.000 Umdrehungen, dazu dieser Klang, das sind Emotionen und Autofahren pur“, freut sich Maik. Wie überraschend, dass ihn die erste große Tour mit seinem neuen Auto an den Gardasee führen wird. „Was freue ich mich schon auf die vielen Tunneldurchfahrten!“ Und seine Familie? „Wird hellauf begeistert sein!“
Warum der Aufwand?
Bei dem ganzen Aufwand bleibt die Frage, warum hat sich Maik Werner nicht gleich einen echten Evo II gekauft? „Wollte ich nicht“, kommt die direkte Antwort. „Zum einen sind die Preise durch die Decke gegangen – und dann musst du noch mal richtig investieren, um die Autos, die oft jahrelang nur rumstanden, wieder fit zu machen.“
Also entschied er sich für den Aufbau einer Replika, die dem Originalfahrzeug in vielen Punkten überlegen ist. „Ich wollte keinen Oldtimer. Ich wollte ein Auto, das man nutzen kann“, sagt Maik, der die Kosten für den Umbau auf etwa 150.000 Euro taxiert.
Auch wenn Dirk Schauf gerne noch ein paar Testkilometer mehr mit seinem neuen Kunstwerk abgespult hätte, übergab er das Auto pünktlich im Mai an seinen Kunden. Der überraschte seine Familie bei der Jugendweihe des Sohns, als er vor versammelter Mannschaft damit aufkreuzte, seitdem gehört der Evo II dazu – und bleibt es auch. „Was ich einmal kaufe, gebe ich nicht wieder her.“ Zum Glück und zur großen Freude des Vaters lernt seine Tochter Josi gerade den Beruf der Kfz-Mechanikerin und wird sich künftig um die Belange kümmern.
Ach ja, etwas Rammstein findet sich noch immer am Auto. ‚Mein Teil‘ steht auf dem Nummernschildträger. „Ich fand das einfach passend“, lacht Maik und um den Bogen noch weiter zu spannen: an der berühmten Vorführwand von Dirk Schauf hängen noch ein paar alte Kassettenradios aus der ‚guten alten Zeit‘, auch hier kann noch immer geholfen werden, falls Bedarf besteht.
TEXT Michael Heimrich für WALTER #25
FOTOS Benno Reiss-Zimmermann