Wenn Ferrari alle Register zieht, dann kommt so etwas dabei heraus. Der neue 849 Testarossa übernimmt die Rolle des SF90 an der Spitze der Mittelmotor-V8-Baureihe und verbindet einen überarbeiteten Biturbo-V8 mit einem dreimotorigen Plug-in-Hybridsystem. Allein der Verbrenner leistet 830 PS, die Systemleistung liegt bei irren 1.050 PS. Entscheidend ist jedoch weniger die Zahl als die Art, wie diese Leistung verfügbar gemacht wird: jederzeit präsent, aber nie nervös oder unkontrollierbar.
Natürlich weckt der Name „Testarossa“ unweigerlich Erinnerungen an die 1980er-Jahre – an breite Flanken, horizontale Lamellen und das Bild eines weißen Sportwagens als Popkultur-Ikone wenn dieser mit Don Johnson aka Sonny Crockett am Steuer durch Miami streifte. Doch Ferraris Bezug ist ein anderer. Historisch steht „Testa Rossa“ für rot lackierte Nockenwellenabdeckungen der Rennmotoren aus den 1950er-Jahren, für Technik mit Wettbewerbsanspruch. Genau dort setzt der 4,72 Meter lange 849 Testarossa an: weniger Nostalgie, mehr funktionale Konsequenz.
Die aktuelle Ferrari-Designsprache folgt dieser Haltung. Die Linien sind kantig, präzise und klar gezeichnet, mit deutlichen Anleihen an Ferraris Sportprototypen der 1970er-Jahre. Besonders das Heck fällt auf: Die doppelte Heckstruktur erinnert an 512 S und 512 M, erfüllt jedoch vor allem eine aerodynamische Funktion. Integrierte aktive Elemente erzeugen bei 250 km/h rund 415 Kilogramm Abtrieb.
Im Innenraum setzt Ferrari auf Reduktion. Die Gestaltung ist konsequent fahrerorientiert, die Bedienung bewusst haptisch. Physische Lenkradtasten, ein klassischer roter Startknopf und das zitierte Schaltkulissenmotiv schaffen Bezug zur Markengeschichte, ohne nostalgisch zu wirken. Stauraum ist bei der Entwicklung kein Schwerpunkt, doch der Platz hinter den Sitzen reicht immerhin für leichtes Gepäck.
Auf der Straße zeigt sich, wie ausgereift das Gesamtkonzept ist. Lenkung und Fahrwerk arbeiten extrem präzise, ohne nervös zu wirken. Die Regelelektronik „FIVE“ (Ferrari Integrated Vehicle Estimation) arbeitet als elektronischer Zwilling des Fahrers. Sie wertet Fahrzustand, Eingaben und Umgebungsdaten kontinuierlich aus und leitet daraus mit fast schon erschreckend hoher Genauigkeit ab, welche Aktion als Nächstes zu erwarten ist.
Alles gerät zur Nebensache, wenn es darauf ankommt, wenn alle Motoren perfekt zusammenarbeiten, denn die Beschleunigung ist beeindruckend, vor allem durch ihre Selbstverständlichkeit. Das elektrische Drehmoment verschmilzt nahtlos mit der Kraft des V8, die Drehzahlen steigen so schnell, dass die Übersetzung kürzer wirkt, als sie tatsächlich ist.
Das Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe trägt entscheidend zum Charakter bei. Das Herunterschalten erfolgt kompromisslos und es jedes Mal ein großes Spektakel, wie der Motor dabei aufheult. Auch beim Hochschalten sind die Gangwechsel spürbar, direkt und von einem mechanischen Ruck begleitet. Die Bremsanlage mit Brake-by-Wire und ABS Evo verzögert hart, konstant und frei von Fading.
Neu ist auch die Fahrwerksabstimmung. Anstelle der bislang festen Multimatic-Setups können Käufer nun eine adaptive passive Federung mit Vorderachs-Liftsystem wählen. Das Ergebnis ist ein deutlich alltagstauglicheres Gesamtpaket. Während der SF90 oft den Eindruck vermittelte, seine Systeme arbeiteten nicht immer harmonisch zusammen, wirkt der 849 Testarossa in jeder Situation ausgewogen und souverän. Elektronische Helfer sind spürbar, greifen aber unterstützend ein, nicht dominierend.
Rein elektrisch lassen sich dank der 7,4-kWh-Batterie bis zu 25 Kilometer zurücklegen – ausreichend für Wohngebiete und Stadtverkehr. Auf der Rennstrecke wiederum zeigen die vorderen Elektromotoren ihre Wirkung besonders deutlich. Beim Einlenken unterstützen sie den Richtungswechsel, ziehen das Fahrzeug sauber in den Scheitelpunkt und verbessern die Präzision, ohne dabei künstlich zu wirken. Das Getriebe agiert dabei nahezu vorausschauend und stellt stets den passenden Gang bereit, selbst wenn dies einen direkten Sprung in den Drehzahlbegrenzer bedeutet.
Assetto Fiorano: Es geht noch schneller
Wer den 849 Testarossa konsequent auf maximale Performance auslegen möchte, greift zum Assetto Fiorano-Paket. Für 52.000 Euro schärft Ferrari den Supersportwagen gezielt für den Einsatz auf der Rennstrecke – mit einem klaren Fokus auf Aerodynamik, Gewichtsreduktion und Fahrwerksabstimmung. Für zusätzlichen Grip sorgen Semi-Slick-Reifen von Michelin, wahlweise in den Varianten Cup 2 oder Cup 2 R.
Der 849 Testarossa ist extrem schnell, außergewöhnlich gut beherrschbar und technisch beeindruckend, aber nicht zwingend der emotional intensivste Ferrari. Wer ein kompromissloses, forderndes Fahrerlebnis sucht, wird andere Modelle der Marke wählen. Wer hingegen erleben möchte, wie weit sich Performance, Kontrolle und Alltagstauglichkeit aktuell vereinen lassen, findet hier eine der konsequentesten Antworten. Mit 460.000 Euro hat diese allerdings auch ihren Preis.
Technische Daten Ferrari 849 Testarossa
- Motor: V8 mit Turboaufladung (830 PS); zwei Radialflussmotoren vorne, Axialflussmotor hinten (220 PS)
- Hubraum: 3.990 ccm
- Leistung: 761 kW / 1.050 PS
- Max. Drehmoment: 842 Nm
- Beschleunigung 0 – 100 km/h: 2,3 Sekunden
- Höchstgeschwindigkeit: 330 km/h
- Normverbrauch: 9,3 Liter / 100 km
- Getriebe: Achtgang-Doppelkupplung
- Antrieb: Allrad
- Akkugröße 7,4 kWh
- Leergewicht: ca. 1.700 kg
- Preis: 460.000 Euro (netto)