Ende Juli flatterte die nächste Nachricht über den Ticker: General Motors hat mit seinen beiden Boliden vom Typ ZR1 und ZR1X neue Bestzeiten auf der Nordschleife des Nürburgrings herausgefahren. Keine absolute Rekordrunde, nicht einmal eine für einen Sportwagen. Stattdessen rühmt sich General Motors nunmehr mit dem unbedeutenden Titel des schnellsten Autos eines amerikanischen Herstellers auf der Eifelrennstrecke.
Einst galt die Nordschleife des Nürburgrings nicht nur als eine der schwierigsten, sondern auch als eine der wichtigsten Teststrecken der Welt. Seit Jahrzehnten kommen Autohersteller, Reifen- und Fahrwerksentwickler sowie Zulieferer in die Eifel, um auf der über 20 Kilometer langen Nordschleife selbst und den kaum weniger beeindruckenden Landstraßen in der Umgebung neue Produkte zu testen.
Neben den Dauerläufen und Erprobungsrunden im sogenannten Industriepool begann irgendwann ein Wettrüsten um fragwürdige Rekordzeiten. Da die über drei Jahrzehnte gültige Bestzeit des einstigen Rennfahrers Stefan Bellof von knapp über sechs Minuten – gefahren im Qualifying eines Langstreckenrennens – unerreichbar schien, wurden von den Autoherstellern künstliche Kategorien erschaffen, um die eigene Sportlichkeit imposanter denn je nach außen stellen zu können.
Je kleiner die selbst kreierte Kategorie, umso leichter sind die Rekorde zu brechen – die es vorher oftmals gar nicht gab. Volkswagen kommunizierte Mitte Juni, dass der VW Golf GTI Edition 50 das schnellste Volkswagen-Serienfahrzeug auf der Nordschleife sei. Sportwagen oder besonders leistungsstarke Fahrzeuge hat der Wolfsburger Autobauer jedoch gar nicht im Angebot – also muss die Kompaktklassenlegende Golf GTI herhalten, um vermeintliche Bestmarken zu setzen.
Bei der Rekordzeit von 7:46,13 Minuten für die knapp 21 Kilometer lange Eifelrennstrecke hätten die Testfahrer am Steuer der Corvette ZR1X wohl nur müde gegähnt. Pilot Drew Cattell brauchte für dieselbe Strecke am Steuer des deutlich kraftvoller motorisierten Amerikaners (5- und 5,5-Liter-V8-Doppelturbo mit 1.250 PS) mit 6:49,28 Minuten rund eine Minute weniger. Renault und Honda kämpften jahrelang um den Titel des schnellsten Fronttrieblers auf der Nordschleife. Bisweilen setzte sich der Renault Mégane R.S. Trophy vor den Honda Civic Type R und einen Mini John Cooper Works – alle mit knapp über 7:40 Minuten.
Das liegt jedoch weit hinter dem elektrischen Prototypen des VW ID.R zurück, der 2019 mit dem ehemaligen Porsche-Werksfahrer Romain Dumas für die Nordschleife gerade einmal 6:05,34 Minuten benötigte.
Die Niedersachsen wollten sich den Rekord von Nio zurückholen, denn der chinesische Elektrohersteller hatte zwei Jahre zuvor mit seinem Nio EP9 und Peter Dumbreck am Steuer 6:45,90 Minuten benötigt. Da der Nio EP9 jedoch kein echtes Serienfahrzeug ist, konnte sich der Rimac Nevera 2023 den Rekord eines elektrischen Serienfahrzeugs nach Kroatien holen. Martin Kodrić brauchte mit dem 1.900 PS starken Elektro-Rennwagen, einem der teuersten Serienautos der Welt, 7:05,29 Minuten.
Der aktuelle Rimac Nevera R stellte jüngst neue Weltrekorde in 24 Kategorien auf und eroberte mit einer Zeit von 25,79 Sekunden – 2,04 Sekunden schneller als der bisherige Rekordhalter – den Titel für die Beschleunigung von 0 auf 400 km/h zurück.
Auch Porsche unterstreicht die eigene Dynamik allzu gerne mit Bestzeiten auf Rennstrecken in aller Welt. Besonders begehrt: die Rekorde auf der Nordschleife. Ebenfalls im Juni gab es jedoch erst einmal neue Bestmarken auf den Rennstrecken von Atlanta und Abu Dhabi – nicht wirkliche Rekorde, sondern solche für ein elektrisches Serienfahrzeug. Dafür wurde der über 1.100 PS starke Porsche Taycan Turbo GT mit dem optionalen Weissach-Paket ausstaffiert.
Nicht, dass ein Kunde mit der viertürigen Coupélimousine einmal auf eine Rennstrecke gehen würde – denn unter Dauerbelastung im Rennen haben Elektroautos gegen Verbrenner keine Chance. Doch ein oder zwei schnelle Runden mit Sportreifen sind allemal drin – und so will jeder Autohersteller unterstreichen, wie schnell und erfolgreich die eigenen Produkte mit Stecker sind. Mercedes feiert seinen AMG One für eine grandiose Rundenzeit von 6:29,09 Minuten – der schnellste in der Klasse der Supersportwagen.
Auch auf den Rennstrecken von São Paulo, Shanghai, Laguna Seca oder eben vom Nürburgring hält der Taycan aktuell die Elektro-Rekorde – zugegeben: für Serienfahrzeuge. Porsche-Testfahrer Lars Kern brauchte für die Eifelrunde 7:07,5 Minuten, doch der Rekord hielt nicht lang, weil Xiaomi mit seinem SU7 Ultra nochmals rund drei Sekunden schneller die 73 Kurven hinter sich brachte.
Lange Zeit hatte sich Porsche ein Elektroduell mit Tesla geliefert, denn auch Elon Musk hatte zwischenzeitlich scheinbar seine Rekordzeit-Liebhaberei für die Nordschleife entdeckt. 2023 schaffte ein speziell ausgestattetes Tesla Model S Plaid mit Tom Schwister am Steuer eine Rekordzeit von 7:25,23 Minuten. Zwei Jahre vorher hatte Tesla – anders als Porsche oder BMW – keine große Nummer am Nürburgring, die Entwickler aus Weissach jedoch bereits geschockt.
Porsche hält seit Jahrzehnten den echten Rekord auf der Nordschleife – und das nicht in einer fragwürdigen Disziplin, die eigens kreiert wurde, sondern absolut. Der tödlich verunglückte Porsche-Werksfahrer Stefan Bellof umrundete den Eifelkurs im Jahre 1983 mit einem Porsche 956 in spektakulären 6:11,13 Minuten. Der Rekord hielt bis zum Jahre 2018, als Timo Bernhard, ebenfalls Porsche-Werkspilot, die damalige Zeit am Steuer eines LMP1-Rennwagens vom Typ Porsche 919 Hybrid Evo mit 5:19,55 Minuten geradezu pulverisierte.
Stefan Grundhoff; press-inform