Bugattis Chefdesigner Frank Heyl. Alles, nur nicht gewöhnlich.

In seinem Berliner Büro entstehen die exklusivsten Autos der Welt. Ein Besuch bei Bugattis Chefdesigner Frank Heyl.

Auf seinem Schreibtisch stehen Modelle vom Chiron und vom Veyron Supersport, an der Wand dahinter hängt ein Bild vom Tourbillon. Doch all das ist weit mehr als nur schöne Dekoration – diese Fahrzeuge tragen seine Handschrift. Ich bin zu Besuch bei Frank Heyl, Director of Design bei Bugatti. Der 47-Jährige entwirft hier in Berlin einige der exklusivsten, schnellsten und begehrtesten Autos der Welt.

Der Tourbillon, der neue Hypersportwagen, ist ein Meisterwerk aus Technik und Design. Mit V16-Saugmotor und Hybridantrieb erreicht er 445 km/h, ist auf 250 Exemplare limitiert und war bereits bei der Präsentation ausverkauft (ab 3,8 Mio. Euro netto). Und gerade wurde der Brouillard vorgestellt – ein Einzelstück, das nach den Wünschen eines Sammlers entstanden ist. Gefertigt wird jedes Auto im Atelier von Bugatti in Molsheim.

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„Manchmal kann ich selbst kaum glauben, dass ich an all diesen Fahrzeugen mitwirken durfte“, sagt er mit leuchtenden Augen. Frank Heyl wirkt bescheiden und sympathisch. Und er ist das beste Beispiel für jemanden, der seine Leidenschaft, seine Berufung und seinen Traumjob gefunden hat. Dabei hatte der gebürtige Hamburger anfangs nie geplant, Autodesigner zu werden. „Ich wollte einfach nur irgendetwas mit Design machen und bei einer dieser berühmten Werbeagenturen arbeiten. Das war damals total angesagt“, erzählt er. „Mein Vater hätte es lieber gehabt, dass ich Ingenieur werde. Aber er hat mich dann doch ziehen lassen. Ohne ihn wäre ich heute nicht hier.“

Der Hamburger fiel mit seinem Talent auf

So begann Frank Heyl mit einem Designstudium und gewann bei einem Wettbewerb ein Praktikum bei Siemens. Dort fand er Gefallen an dreidimensionalem Design. Es folgte ein Praktikum bei Volkswagen. „Es war dort anfangs wirklich peinlich. Ich konnte damals Autos nicht so gut zeichnen wie all die anderen Praktikanten, die von renommierten Universitäten kamen“, verrät er und lacht. „Leute, die an meinem Tisch vorbeiliefen und meine Skizzen sahen, haben sich mitleidig danebengesetzt. Aber die Lernkurve war sehr steil und es hat riesigen Spaß gemacht – nachdem ich meine Scham überwunden hatte.“

Seine Zielstrebigkeit und sein Talent fielen auf: Der Hamburger bekam ein Stipendium und studierte schließlich Fahrzeugdesign am Royal College of Art in London, machte dort seinen Master of Art. Von dort ging es nach Prag, zu Škoda. Der Škoda Rapid war sein erstes Projekt, eine kleine Familienlimousine mit vier Türen. Nach zwei Jahren erhielt der Jungdesigner dann das Angebot, bei Bugatti zu arbeiten.

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Mittlerweile ist Frank Heyl seit 17 Jahren bei der französischen Luxusmarke, seit 2023 ist er Chefdesigner – für mittlerweile Bugatti Rimac (seit dem Zusammenschluss der beiden Marken). „Die Hierarchien hier sind niedrig. Man kann direkt mit jedem sprechen. Ich saß in so vielen Ingenieurmeetings, bin mittlerweile selbst ein halber Ingenieur“, sagt er.

Durch seine langjährige Erfahrung weiß er sehr gut, was machbar ist und was nicht. An der Umsetzung seiner Ideen tüftelt er jedoch bis zur Perfektion. „Das liebe ich. Das ist genau mein Ding“, sagt der Designer. Für den Tourbillon hat er zum Beispiel einen neuartigen Diffusor entwickelt, um die Grundform des Autos so tropfenförmig wie nur möglich zu gestalten. „Die ideale Form ist wie ein Flügel, nachgeahmt vom Falken beim Sturzflug, der 300 km/h schafft – das schnellste Geschöpf der Erde“, erklärt Frank Heyl. Auf dem Patent steht sein Name.

Am Anfang zeichnet er einfach drauflos

Seine ersten Entwürfe entstehen allerdings immer noch mit Stift und Papier. „Ich zeichne einfach drauflos, mit schwarzem Kugelschreiber auf irgendeinem Zettel. So kommen die ersten Ideen. Leonardo da Vinci ist mein absolutes Vorbild. Ich liebe seine Zeichnungen, habe etliche Bücher mit seinen Arbeiten“, so Frank Heyl. „Danach arbeiten aber natürlich auch viele Kollegen daran, die wirklich unglaubliche Talente sind – teilweise die Besten, die ich je gesehen habe. Dadurch habe ich auch die Möglichkeit, mich ab und zu etwas herauszuziehen, um parallel an verschiedenen Projekten zu arbeiten. Es sind bei der Entwicklung eines neuen Modells natürlich immer Hunderte Menschen involviert. Ich sage immer: Es ist ein riesengroßes 3-D-Puzzle für Erwachsene – mit 5.000 Teilen.“

Das Büro befindet sich im legendären E-Werk

Frank Heyl arbeitet im Team mit vielen Kollegen. Und das Design Center mitten in Berlin ist so einzigartig wie die Autos, die darin entstehen. Es befindet sich in dem legendären E-Werk, einem denkmalgeschützten Gebäude, das in den 1920er-Jahren als Kraftwerk für die Stromversorgung der städtischen U-Bahn erbaut und in den 1990er-Jahren zu einem Techno-Club umfunktioniert wurde. Mit originalen Keramikfliesen an den Wänden und Böden sowie hundertjährigen, gusseisernen Treppen, die zur Galerie im oberen Bereich der weitläufigen Haupthalle führen. In dem offenen Studio arbeiten die Designer mit Head-Trackern und Virtual-Reality-Technologie, um ein millimetergenaues Rendering eines Fahrzeugdesigns im digitalen Raum zu erstellen.

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Die Kunden können hier auch ihre besonderen Wünsche besprechen. Die meisten von ihnen lassen ihren Wagen individualisieren. Aber immer mehr möchten auch Sonderanfertigungen (Sur Mesure), wie eine neue Lackfarbe, die dann kein anderer haben darf. „Es gibt kaum einen Bugatti, der komplett identisch mit einem anderen ist. Die Kunden wollen ein einzigartiges Objekt besitzen, das niemand sonst hat“, erklärt Frank Heyl. „Es zählen Wertigkeit, Sammelbarkeit und Exklusivität.“

So ist auch das neue „Solitaire“-Programm entstanden, das genau dieses Bedürfnis nach Unikaten bedient. Jedes Jahr sollen bis zu zwei solcher Meisterwerke geschaffen werden. Diese Modelle werden mit den bestehenden Bugatti-Antriebssträngen und -Chassis ausgestattet, während der Schwerpunkt auf einer maßgeschneiderten Karosserie und individuellen Details im Innenraum liegt. „Der Aufwand, ein Einzelstück zu entwickeln, ist immens. Die Werkzeuge und die Aerodynamik zu machen, alles zu testen. Theoretisch könnten wir dann 20 oder 50 davon bauen, es ist ja dann entwickelt. Aber am Ende bleibt es bei diesem einen exklusiven Auto. Die Leute sind dazu bereit, entsprechend dafür zu bezahlen.“

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Das erste Meisterwerk des Solitaire-Programms ist der Brouillard. Ein langjähriger Kunde und Sammler hat sich damit einen lang ersehnten Traum erfüllt. Die Linien und Details des Fahrzeugs erinnern an die Anmut und Kraft eines Pferdes – eine subtile Hommage an Firmengründer Ettore Bugatti, der eine große Leidenschaft für Pferde hatte. Brouillard war der Name seines Lieblingspferdes. Über ein Jahr lang haben der Chefdesigner und sein Team an diesem besonderen Einzelstück gearbeitet.

Natürlich wird er bei den vielen anspruchsvollen Projekten auch mal nervös. „Es gibt Herausforderungen und Zeiten, in denen ich schlaflose Nächte habe. Meist geht es darum, ob wir etwas in einer bestimmten Zeit hinbekommen. Mich macht es vor allem nervös, wenn man von Dritten abhängig ist.“ 

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Das Erfolgsrezept von Frank Heyl lautet jedoch immer: „Cool bleiben. Statt alles über den Zaun zu brechen oder cholerische Anfälle zu bekommen, bleibe ich eher ruhig. Damit kommt man weiter. So bin ich, glaube ich, auch hier gelandet. Und Beständigkeit ist wichtig. Man muss kompromisslos seinen Weg verfolgen. Harte Arbeit allein reicht nicht, die Richtung muss stimmen. Einfach dranzubleiben und nie aufzugeben – das ist für mich entscheidend.“

Und für den leidenschaftlichen Designer liegt die Belohnung auch darin, zu wissen, dass die Arbeit nicht nur für den Moment zählt. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass einige dieser Fahrzeuge in 100 Jahren – wenn wir schon lange nicht mehr da sind – immer noch existieren und Preise gewinnen“, so Frank Heyl. „Auf alle Fälle träume ich davon, eines Tages mit meinen Enkelkindern über den Rasen eines Concours d’Élégance zu gehen und ihnen Autos zu zeigen, die wir geschaffen haben.“

TEXT & FOTOS Daniela Grunwald für WALTER #27

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