Jeremy Clarkson: „Kilowattstunden-Toaster“

Jeremy Clarkson hat über Jahrzehnte erklärt, geliebt, verspottet und zerstört, was auf vier Rädern unterwegs ist. Inzwischen steht er ebenso für Landwirtschaft, schlechte Ernten und die Amazon-Serie „Clarkson’s Farm“. Die Autos haben ihn trotzdem nicht losgelassen, nur die neuen begeistern ihn längst nicht mehr so leicht.

Bei allem, was Sie heute machen: Wie groß ist Ihre Leidenschaft für Autos noch?

Jeremy Clarkson: Für bestimmte Autos ist sie immer noch sehr groß. Aber was heute neu auf den Markt kommt, begeistert mich selten. Es piept, warnt, greift ein, will mir sagen, wie ich sitzen soll. Das macht mich wahnsinnig. Viele Autos sehen außerdem gleich aus. Früher konnte ich nachts auf der Autobahn an den Rücklichtern erkennen, welches Modell vor mir fährt. Heute stehe ich am Tag neben einem Auto und weiß es nicht.

Sie fahren deshalb noch immer einen alten Range Rover?

Ja. Der ist 18 Jahre alt und piept mich wenigstens nicht ständig an. Natürlich kann man manche Systeme abschalten. Aber ich will nicht jedes Mal erst in einem Touchscreen-Menü herumdrücken, wenn ich nur schnell zum Pub oder über den Hof fahren will.

Trotzdem haben Sie die Begeisterung für gute Autos nie verloren?

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Nein. Es ist ein bisschen wie mit Schokolade: Man könnte denken, wer sein Leben lang damit zu tun hat, will irgendwann keine mehr. Aber so ist es nicht. Ich mache das seit meinem 28. Lebensjahr, und ein gutes Auto interessiert mich immer noch.

Wie schnell merken Sie, ob ein Auto etwas taugt?

Sehr schnell. Bei manchen Autos reichen ein paar Meilen. Man spürt es an den Sitzen, am Fahrwerk, an den Materialien, an der Art, wie sich alles anfühlt. Natürlich kann ein günstiges Auto für viele Menschen völlig in Ordnung sein. Aber für jemanden, der Autos liebt, ist das etwas anderes.

Jeremy Clarkson Interview Team
Kaleb Cooper (Mitte) und Charlie Ireland sind die guten Geister auf Clarkson‘s Farm und zeigten Jeremy Clarkson, wie schwer Landwirtschaft tatsächlich ist

Gab es je ein Elektroauto, das Sie wirklich überzeugt hat?

Nicht so, dass ich eines besitzen wollte. Ich bin kürzlich ein Auto gefahren, bei dem ich dachte: Mit einem kleinen Verbrenner wäre das großartig. Es sah fantastisch aus, und Lisa mochte es wegen der Nostalgie. Aber für mich selbst? Nein. Nicht in einer Million Jahren.

Ihr erstes Auto war ein Ford Cortina 1600E. Was ist davon geblieben?

Sehr viel. Mein Vater hatte auch einen, und ich habe dieses Auto geliebt. Manche Details vergisst man nie. Das war ein zehn Jahre alter Cortina in Amber Gold, ein wirklich gutes Auto. Kurz nach der Fahrprüfung habe ich allerdings nicht den Cortina, sondern den Audi meiner Mutter ziemlich gründlich beschädigt.

Was stand später noch in Ihrer Garage?

Nach einem Job, bei dem ich Paddington-Bären verkauft habe, kaufte ich mir einen Scirocco GLI. Danach kamen ein Scirocco II, ein BMW 3.0 CSL und ein Alfa GTV6. Den CSL habe ich damals für 3.250 Pfund verkauft. Das sagt alles über meine Fähigkeit, künftige Wertsteigerungen zu erkennen.

Auf dem Hof wird für „Clarkson’s Farm“ fast das ganze Jahr gedreht. Wie planbar ist so etwas?

Gar nicht. Landwirtschaft funktioniert nicht nach Drehbuch. Man reagiert auf das, was passiert. Wenn ein Tier krank ist, weiß man nicht, ob es durchkommt. Man kann also nicht schreiben: Dann wird alles gut. Und man kann auch nicht schreiben: Dann geht alles schlecht. Genau das macht es aus.

Jeremy Clarkson Interview Top Gear Grand TourTeam
Geniales Trio: James May, Jeremy Clarkson und Richard Hammond formten zunächst ‚Top Gear‘ und später ‚Grand Tour‘

Gibt es ein Auto, das Sie unbedingt besitzen möchten?

Ja, einen Lexus LFA. Und einen Lamborghini Revuelto. Der Revuelto ist die große Ausnahme bei meiner Skepsis gegenüber neuen Autos. Ich hatte ihn hier zum Testen, bei völlig falschen Bedingungen: kalt, glatt, ungemütlich. Und trotzdem war er sensationell. Genau so muss ein Lamborghini sein. Er sieht aus wie eine Postkarte auf Rädern und fühlt sich auch so an.

Was reizt Sie am Lexus LFA?

Der Klang. Am Ende komme ich immer wieder auf den Motor zurück. Der LFA stammt aus einer Zeit vor dem totalen Perfektionismus. Er ist nicht in jeder Hinsicht praktisch, aber er hat Charakter. Dieser V10, dieses heisere Jaulen, das war einzigartig. Für mich ist der LFA bis heute etwas Besonderes.

Jeremy Clarkson Interview 2
Lisa Hogan ist die Frau an der Seite von Jeremy Clarkson und längst der heimliche Star der Serie „Clarkson‘s Farm“

Sie mögen auch Restomods. Warum?

Weil sie alte Autos nutzbarer machen können, ohne ihren Kern zu zerstören. Ein Eagle Speedster, ein Alfaholics-Alfa, ein gut gemachter Delta Integrale: Das kann wunderbar sein. Entscheidend ist, dass das Wesen des Autos erhalten bleibt.

Sie klingen ziemlich pessimistisch, wenn es um die Zukunft des Autofahrens geht.

Ich bin es auch. Regierungen nehmen Freiheit selten weg, um sie später zurückzugeben. Wenn das Auto heute neu erfunden würde, würde kaum eine Regierung normalen Bürgern erlauben, eine zwei Tonnen schwere Maschine mit 250 km/h selbst zu fahren. Genau diese Freiheit wird nun Stück für Stück zurückgeholt.

Was bedeutet der Aufstieg chinesischer Hersteller für europäische Marken?

Es wird sehr schwierig. BYD war vor wenigen Jahren vielen kaum ein Begriff und ist heute ein Gigant. Europäische Hersteller haben Stil, Geschichte und Markenwert. Aber Stil und Geschichte verlieren an Kraft, wenn ein Konkurrenzprodukt halb so viel kostet und technisch vielleicht sogar mehr bietet.

Auch das Gewicht moderner Autos stört Sie?

Sehr. Ein Audi RS5 mit 2,3 Tonnen, das ist doch absurd. Dann wundern sich alle über Schlaglöcher. Natürlich trägt mein Traktor sicher auch etwas dazu bei, aber moderne Autos sind viel zu schwer. Und darunter leidet das Fahrerlebnis.

Haben Sie je einen Porsche besessen?

Nein. James May und Richard Hammond liebten den 911 immer so sehr, dass es fast meine Pflicht war, ihn nicht zu mögen. Wobei ich zugeben muss: Es sind schon ziemlich gute Autos. Lisa hätte übrigens gern einen.

Jeremy Clarkson Interview Traktor

Warum funktioniert „Clarkson’s Farm“ bei Landwirten so gut?

Weil Landwirtschaft im Fernsehen vorher oft romantisiert wurde: ein paar Lämmer, ein bisschen Gemüse, hübsches Licht. Bei uns sieht man einen echten Betrieb mit echten Problemen. Viele Landwirte mochten offenbar, dass ihre Welt einmal sichtbar wurde. Früher fuhr man an einer Hecke vorbei und wusste nicht, was dahinter passiert. Jetzt stehen wir auf der anderen Seite und stellen fest: Wir wissen es oft selbst nicht genau.

Das vollständige Interview mit Jeremy Clarkson lesen Sie in WALTER #28

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