Herbert Völkers Lieblinge.

Wenn du lang genug auf Schwarzweiß starrst, wird ein Farbtupfen daraus, und am Ende könnte es eine blaue Alpine sein, oder ein Suzuki-Bike. Oder ein McLaren? Oder ein Freund, der verloren gegangen ist?

An einem heißen Augusttag in Silverstone lösten sich zwei aus der Meute der vierzig Maschinen, der Träger des Ordens vom Britischen Empire und der kleine Cowboy aus Modesto, Kalifornien, flogen allen davon und waren nur noch füreinander da, spielten alles durch, alle Tricks, Manöver, Finessen, alle Aggression und Akrobatik, deren dieser Sport fähig ist. 28 Runden lang schmirgelten die rechten Knie am Asphalt von Copse und Becketts Corner, bei Tempo 260 ruckten die Oberkörper auf, um Woodcote anzubremsen, Rad an Rad, Helm an Helm, Sheene vor Roberts, Roberts vor Sheene, Barry Sheene vor Kenny Roberts, unzählige Male wechselnd.

Die 120.000 entlang der Strecke waren längst keine kompakte dunkle Masse mehr, sondern in dauernder Bewegung, winkend, jubelnd, die von den Tribünensitzen waren längst aufgesprungen, und wenn Sheene als erster aus Copse Corner herausbeschleunigte und sich lang und flach machte und den Kopf hinter der Verkleidung vergrub, nahm er die linke Hand vom Lenker, legte sie an den Schenkel, öffnete die Hand, ließ die Finger fragend zucken, und Kenny Roberts konnte lesen: Was ist, du kleine Stinker, fragten die Finger des Barry Sheene, bist du krank heute, geht’s dir zu schnell? Und dann deuteten Barrys Finger: Du musst mehr Hamburger fressen, Cowboy, damit du kräftiger wirst. Im schnellen Linksknick von Abbey Curve wurden dann wieder beide Hände am Lenker der Suzuki gebraucht.

Typisch: So etwas kommt heraus, wenn man einen alten Knochen nach seinen Erinnerungen fragt, er wird meistens einen Flash aus der Tiefe an die Oberfläche springen lassen, um dann erst einmal nachzudenken, wann das überhaupt war. Das alte Silverstone also, zufälligerweise Motorräder, klar, süßer Irrwitz. Und wann? In der Steinzeit.

Das soll aber nicht die Antwort nach der Lieblingsrennstrecke sein, denn als Österreicher bin ich der Wahrheit verpflichtet. Daher sei gesagt: Spielberg ist unvergleichlich, die Natur-Arena, die Stimmung, das Umfeld, die Wirtshäuser, die steirischen Schädeln. Wir werden jetzt sicher nicht auf die neuen Race Circuits am Rande der Wüste schimpfen, das ist schon alles okay für die, die es haben wollen. Und immer noch, Monaco, das ist fantastisch vor dem Fernseher, Weltspitze auf der Couch, aber im echten Leben fahren wir lieber in die Steiermark.

Abgesehen musste die Frage nach der liebsten Rennstrecke sowieso ein bissel an mir vorbeigehen, weil mir vorher hundert Etappen auf allen Rallye-Erdteilen einfallen würden, die ich auch der piekfeinsten Racing-Strecke vorziehen würde. Anhand von Helmut Deimels Filmen lässt sich das ja jederzeit auf verständlichste Weise nachvollziehen, und es ist natürlich kein Zufall, dass sich die wahren Hits in den 1980er-Jahren abspielen, bevorzugterweise in Italien, Portugal und Finnland. 

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Wieso Le Mans?

Bevor ich mich in den Rallyes verliere, muss ich für mich selber aber die Frage beantworten, warum ich Le Mans so toll fand, obwohl es nie zu meiner Richtung gehörte. Man neigte dazu, die äußeren Umstände wichtiger zu nehmen als das Rennen selbst: Die Anreise, das französische Wesen an sich, die Rituale in Mittsommernächten, wie eben Mittsommernächte ihren zarten Wahnsinn haben, da war die Technische Abnahme als Volksfest am Jakobinerplatz, zwei Tage vor dem Rennen, es hat Zeit gegeben, damit sich irgendwas entwickelt, und wenn du fünfmal mit der Leihwagengurke die Hunaudières und den Hubbel vor Mulsanne ausprobiert hast, dir dabei vorgestellt hast, wie das mit Tempo 340 wäre oder ja, auch 400, das gab’s wirklich, man kann’s kaum glauben, und wenn du dem Falk und dem Bott und dem Piëch in dieser alten Bude von einer Garage in Teloché beim Fertigwerden der Geräte zugeschaut hast, fürs Donnerstag-Nachttraining bei Madame Génissel im Wirtshaus beim Hippodrome einen Tisch bekommen hast, vom Fenstertisch sind es zwei Meter bis zur Fahrbahn, die Türen sind verbarrikadiert. 

Herbert Voelker Le Mans
Le Mans, eine ganz eigene Art der Begeisterung zur Mittsommerzeit © McKlein

Man konnte an diesem Abend nicht viel hören, ich meine gesprächsmäßig, man würde schon bei der Vorspeise auf eine Entflechtung der Geräusche warten, bis ein einzelner Wagen aus dem Norden hörbar wird, hinter Tertre Rouge die hohen Gänge einwirft und sich auf 13.000  hochzieht. Das Anbremsen der Schikane gibt die erste Möglichkeit, wieder das Wort zu ergreifen, man wird aber sowieso lieber den Porsche-Turbo-Boxer gegen den V12-Sound des Jaguar probehören, und in einem besonders glücklichen Jahr wirst du dein Gehör überhaupt verlieren, weil sich eine Kreissäge im falschen Material verheddert, Metall auf Metall mit splitternden Spänen bei wütendem Hochjaulen, mit Zwischentönen von Knallen und Plotzen und Bröseln, das war dann der Vierscheiben-Wankel im Mazda. 

Das größte Vergnügen aber war, dass man aus all dem eine Geschichte erzählen konnte, es brauchte keine Übertreibungen und kein Theater. Die Geschichten, wie du sie wirklich erlebt hast, haben sich zu Texten ergeben, mit denen man beim Schreiben seine Freude hatte, und manchmal haben das auch die Leser gespürt.

Das führt uns ohne Umschweif zur Freude an Rallyes. Dieses Gefühl hatte auch wieder mit dem Erleben drumherum zu tun. Bevor ich noch wusste, was eine WP ist, hatte ich es geschafft, zur Safari-Rallye zu kommen, und die Geschichten aus Afrika mussten bloß erzählt werden, danach wollten mehr Leute Rallyetexte lesen und ich wollte mehr Rallyes erleben und die Menschen kennenlernen, die in diesen Autos hockten.

Walter Roehrl und Herbert Voelker

So stieß ich in Bayern auf einen 24-jährigen Ford Capri-Fahrer. Ich war keinesfalls der, der den Kerl entdeckt hatte, aber ich glaube, ich habe ihm die ersten Geschichten herausgekitzelt, die uns in die fantastische Welt des Walter Röhrl geführt haben. Ich hatte immer den kleinen Sony-Recorder dabei, das ergab ein zusätzliches Erlebnis: Auch wenn er sich fürchterlich aufregte, so lief die Wahrnehmung mit trockener Präzision ab, das ergab ein eigenes Kunstwerk. Als kürzestes Beispiel habe ich gern die Geschichte von der Monte 1985 parat. Damals war die Zuschauersituation bereits kritisch, es gab zu viele Menschen und sie benahmen sich zu blöd. Walter sagte:

„Am Turini, du kennst die paar Kehren links und rechts, da ist einer auf der Mauer g’sessen, den hätt‘ i am liebsten abg’fahren. Beim zweiten Mal sitzt das Arschloch no immer dort. Ganz auf cool. Ich hab den Gesichtsausdruck erkennen können, ganz lässig, wahrscheinlich is a Hås’ danebeng’standen. Pass auf, das ist dort: Tunnel nach 3 Kilometer, Kehre links, 20 Meter, Kehre rechts, 40 Meter, mittellinks, Kehre links, Kehre rechts, 60 Meter, Mittelrechts, und da ist eine Mauer innen, wo du um jeden Zentimeter kämpfst – innen! Und da sitzt der Kerl vorn, wo die Mauer beginnt, ganz cool, die Füß’ herinnen, und zuckt net. Dafür hab i ’zuckt und mi g‘ärgert, und beim zweiten Mal war i scho gfasst drauf, tatsächlich sitzt des Arschloch wieder da. Ich fahr drei, vier Zentimeter vorbei. Der war knallhart, hat net ’zuckt. I hab bloß gmerkt, wie seine Augen a bissl größer worn san.“

Rallye Monte Carlo Herbert Voelker
„Walter weißt Du noch, der freche Kerl auf dem Turini die Haxen über die Mauer hat hängen lassen?“ © McKlein

Wir wollten noch kurz über die liebsten Rallyestrecken der Erinnerung reden. Es gab eine ganz kurze Epoche der Steinzeit, mit schon „modernen“ Autos, sagen wir Fulvia, Alpine, aber noch ohne Publikum (es wäre durchaus zugelassen gewesen, aber es gab einfach keine Leute, die ein Auto hatten, um damit in den Wald zu fahren), ich meine, wenn du es damals geschafft hast, der quasi einzige Mensch im Wald von irgendwo zu sein, dann bleiben sagenhafte Bilder und Momente und Stunden in deiner Schwarzweiß-Festplatte festgezurrt, – falsch gesagt, es gab auch Farbtupfer für ein Leben lang: die blaue Alpine, Ove Andersson.

Zum Beispiel Humalamäki

Also, um die Frage nach den liebsten Strecken endlich zu beantworten, Pont des Miolans in der Monte, Humalamäki in Finnland, Sparti – Kalamata in der griechischen Antike, die walisischen Klassiker im Forest von Glocaenog und die Orgien von San Remo, egal ob in den Bergen oder unten in der Toskana mit den wunderbaren bescheuerten Tifosi. 

Bei der schon allzu intimen Frage nach dem liebsten Rennfahrer kommen natürlich die österreichischen Zufälle zusammen. Niki Lauda, zehn Jahre später Gerhard Berger, die waren einfach da, ich war im Job automatisch von Anfang an dabei, dann stellte sich heraus, dass wir auch schmähmäßig gut miteinander konnten (wie erkläre ich „schmähmäßig“ für Deutsche? Vielleicht: „auf der Leichtigkeit der gleichen Wellenlänge“), wie auch immer: Wir wurden Freunde, und beide erzählten mir ihre Weisheiten und allen Blödsinn und verließen sich darauf, dass ich die Dinge unterscheiden können würde und dass dann am Ende im Magazin oder im Buch etwas Lesbares herauskommen würde. Dazwischen lagen hunderttausend Flug- und zigtausend sonstige Kilometer und viel Hetz.

Ihr werdet vielleicht anmerken wollen, dass es auch nicht-österreichische Rennfahrer gab und gibt, die wir nicht unterschätzen wollen. Damit sind wir sofort einmal bei Jochen Mass: Er ist mein wunderbarer Freund seit Jahrzehnten. Im Motorsport war und ist er eine Autorität zwischen wechselnden Moden und Gefälligkeiten. Und bleibt auch in unseren reiferen Jahren ein fescher Kraftlackl, mit seinen blitzenden Augen und dem Schalk, mit dem uns nie langweilig werden kann.

Da gibt es noch die Erinnerung, als Niki Lauda und ich einen Grand Prix gewannen. Ich war schon eher auf Rallyes fixiert und kam nur selten zu einem Rennen. Beim Grand Prix Holland 1985, Zandvoort, war es wieder so weit. Niki Lauda und ich bastelten an einem gemeinsamen Buch, ich brauchte eine atmosphärische Auffrischung.

Es war natürlich noch die alte Streckenführung in Zandvoort, steinzeitmäßig, aber fantastisch in die Dünen hineingesetzt. Es war die Saison nach Nikis drittem WM-Titel, er hatte schon genug von allem. Alain Prost, Kollege im McLaren-Team, war mittlerweile der schnellere Mann, außerdem gab’s laufend technischen Ärger, Laudas Rücktritt zum Saisonende war schon beschlossen. Für ihn ging es eigentlich nur darum, die letzten sechs Rennen seines Lebens ehrenvoll abzudienen, „ohne mich noch einmal ins Feuer zu schmeißen“, das hatte ich schon kapiert.

Wunschkonzert in Zandvoort

Ich kam am Morgen des Renntags frischfröhlich in den McLaren-Wohnwagen (ja, damals waren’s noch Wohnwägen) und sagte ungefähr, nur um irgendwas zu sagen: Heute g’winnst, Niki, heute packst sie alle.

Bei solcher Naivität schlief dem Niki das Gesicht ein. Später haben wir das besprochen, er hat mir seine Gedanken erzählt: Jetzt kennt er mich schon so lang und hat noch immer nichts kapiert von Motivation und Nicht-Motivation, von Gewinnen und Heimfahren. Es war eine total depperte Einstellung, vor einem solchen Rennen von einem Sieg zu reden. 

Lauda war ein bissl verärgert und irritiert. Tatsächlich stand er ja nur auf dem zehnten Startplatz. Aber dann ergab es sich, dass Nelson Piquet am Start einen Hund baute. Niki hingegen kam gut weg und machte auf Anhieb fünf Plätze gut. Zitat Lauda: Kaum komme ich zum Denken, schießt mir der Blödsinn vom Herbert ein: Du gewinnst heut, Niki, gell. Und ich muss dran denken, wie er draußen hockt und ganz geil drauf ist, dass ich jetzt alle niedermach’. Dieser komische Gedankenblitz nach dem überraschend guten Start löst bei mir plötzlich einen Motivationsschub aus: Jetzt musst’ es probieren.

Was mich betrifft: Ich stand inmitten jener Meute, die damals noch die Boxenstraße verstopfen durfte und war tatsächlich ziemlich high, denn auf der Piste ging richtig die Post ab. Niki fightete wie in den wildesten Tagen, kämpfte Senna und Alboreto nieder, und dann war’s nur noch das Duell Lauda gegen Prost.

Alle siebzig Sekunden wurde es richtig aufregend, wenn die beiden bei Start und Ziel vorbeikamen, zwischendurch war der Zuschauer ahnungslos, man war noch Lichtjahre von Videowalls entfernt, und meine Erinnerung an Handys setzt auch erst später ein. 

Erst nachher kriegte ich die Details mit: Kampflinie, Gerangel bis auf die Wiese hinaus, alle Windschattentricks, Entspannung nur bei den Schlänglern im hinteren Teil der Strecke, denn dort gab’s sowieso kein Überholen. Tolle Stimmung auf den Tribünen, und selbst aus der Gegend der Dünen war noch das Getöse zu hören.

Herbert Voelker Zandvoort
Unser letzter Sieg, Holland 1985. Niki vom zehnten Startplatz schon auf Sechs (vorn Keke Rosberg, Senna, Prost) @ McKlein

Niki und ich hatten vorher ausgemacht, dass er mich von Amsterdam aus in seinem Flieger nach Wien mitnehmen würde, aber ich musste noch meinen Leihwagen loswerden, also ein paar Minuten vor Schluss von der Rennstrecke abhauen. Dort war immer noch das gleiche Bild: die zwei McLaren weit in Führung, ein eher wütendes Duell, Niki einen Hauch vor Alain Prost.

Ich drängelte mich durch den Verkehr Richtung Amsterdam, gab das Auto in Schiphol ab, fragte den Avis-Menschen, wer den Grand Prix gewonnen hat, der hatte natürlich keine Ahnung. Dafür Menschengedränge zwischen mir und dem anderen Terminal, aber damals hatte noch keiner ein Handy vor der Nase. Jetzt fällt einem erst auf, wie ahnungslos die Menschheit einmal war, so total ohne Handy, und wie wurscht es ihr war, nicht gleich alles zu wissen. Endlich war ich am privaten Terminal, da kam auch Niki schon vom Hubschrauber… UND??? —— G’wunnen, grinste er und musste sich gleich um den Lear kümmern, und dann flogen wir nach Wien, der Niki, der Hannes, der Bertl und ich, im „Argentina“ in der Bäckerstraße warteten sie schon auf uns. Dann gab’s endlich was zu trinken.

Niki hatte seinen 25. (und letzten) Grand Prix gewonnen, zwei Zehntelsekunden vor Alain Prost. Hundertstelsekunden gab’s damals noch nicht im Rennsport, und dass man je in Tausendstelsekunden messen würde, konnte sich damals noch kein Mensch vorstellen, schon gar nicht in dieser Nacht. Tausendstel, wie soll denn das gehen?

TEXT Herbert Völker
FOTOS McKlein & Jürgen Skarwan


Herbert Voelker

Hinweis der Redaktion: Am 1. Juni ist Herbert Völker, der Literat unter den Motorjournalisten, wie ihn viele nannten, im Alter von 81 Jahren in Wien verstorben.

Unser Mitgefühl gilt seiner Familie und seinen Angehörigen. Für uns war er mehr als ein Vorbild. Reiner Braun brachte es auf den Punkt: „Einen Völker kann man nicht kopieren, nur genießen.“

LESENSWERT.

WALTER Magazin.