Walter Röhrl im Audi S1. Auf den Spuren der Rallye Monte Carlo.

Für Walter Röhrl gibt es nichts Größeres als die Straßen der Rallye Monte Carlo und das Pedaltreten im Sport Quattro E2 – für den Walter-Chronisten nichts Größeres als danebenzusitzen. Aufbruch in einen Tag zum Einrahmen - 2024 hätte nicht besser beginnen können.

Ist der gewachsen? Da erzählt er immer, er müsse morgens erst mal anderthalb Stunden Sport machen, um überhaupt aufrecht gehen zu können und jetzt steht der Lange da wie eine Statue, als könnte sich der Mann auf Knopfdruck selbst in Bronze gießen. Plötzlich dreht sich das Monument um und grinst dich an: „Na? Schon nervös?“ Das weckt Erinnerungen an den einst blutjungen Beifahrer Peter Göbel, der sein Idol zum Kaffeeklatsch einlädt, der sich mit einer Einladung zur Rallye San Remo revanchiert und seinem neuen Co-Piloten zur Begrüßung erklärt: „Ich erwarte Perfektion.“

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Der Wecker hätte viel zu früh geklingelt, wenn er die Chance gehabt hätte. Der innere Alarm ging schon vorher los. Wie funktioniert jetzt dieses Roadbook ohne die guten alten Chinesenzeichen? Kartenausschnitte mit Hinweispfeilen. Eigentlich ganz einfach. Eigentlich nur die Kilometrierung auf dem Trip im Auge behalten. Der Gedanke, dass die beim ersten Verfahren schon nicht mehr stimmt, wird bei der Morgentoilette runtergespült. Frühstück? Keine Chance, der Magen ist jetzt um kurz nach halb sieben das einzige Organ, das noch im Tiefschlaf schlummert. Zumindest einen Kaffee oder Tee? Lieber nicht. Das Zeug treibt, und wie reagiert ein Röhrl, wenn du unterwegs die Konversation eröffnest mit geistreichen Sätzen wie: „Ich müsste mal für kleine Reporter.“

„Wir sind jetzt nördlich von Grasse“, sagt Röhrl. Die hübsche Kleinstadt an den Hängen nördlich von Cannes ist die Welt-Hauptstadt der Parfüm-Herstellung und mit dem Leben des Walter Röhrl auf ewig verbunden. Es ist der Geburtsort von Michèle Mouton. Die Frau, die ihn 1982 im Titelkampf fast besiegte, liebt ihre Heimat, nur die Rallye Monte Carlo mochte sie nie. Im ersten Quattro-Jahr 1981 blieb sie mit Dreck im Sprit auf der Strecke, bevor es ernsthaft losging. 1982 knallte sie nicht weit von Saint Auban gegen eine Hauswand.

„Euch geb‘ ich zehn Minuten“

Es geht hinauf zum Col de Bleine, der im Laufe der Jahrzehnte in den verschiedensten Kombinationen gefahren wurde und diverse Namen trug. 1980 hieß die Prüfung „Les Quatre Chemins“, benannt nach einer Kreuzung nördlich des Passes auf dem Hochplateau von Peyron. Der Col de Bleine ist mit 1.439 Metern der höchste Pass der Provenzalischen Alpen. Während Röhrl dem Sport-Quattro bergauf die Sporen gibt, erzählt er: „Da sind wir damals runtergekommen, auf blankem Eis.“

Riskieren musste er allerdings nicht allzu viel. Weil sich der Fiat-Werkspilot weigerte, zwei Tage vor Heiligabend die zu spät eingetroffenen Reifen zu testen und die Kollegen Alén und Waldegaard seinen Arbeitsethos infrage stellten, hatte er ihnen gedroht: „Euch geb’ ich allesamt zehn Minuten.“ In den Bergab-Kehren des Col de Bleines konnte er es ruhig angehen. Er lag ja schon zehneinhalb Minuten vorn.

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Weihnachten und Ostern an einem Tag: Autor Markus Stier darf mit Walter Röhrl im Audi Sport Quattro S1 E2 über legendäre Prüfungen der Rallye Monte Carlo fahren

Die Route der 24. Histo-Monte führt rechts ab Richtung Le Mas zur einmaligsten Straße in der Geschichte der Rallye Monte Carlo. „Hier war immer Start“, sagt er, beschleunigt aber nicht, sondern fährt rechts ran. „Ich muss mal.“ Gott sei Dank. Frisch erleichtert geht es durch krüppelige Kiefern abwärts. „Hier hat sich der Ari 1985 im Fünften gedreht.“ Dasselbe Kunststück hatte Röhrl im Sport Quattro ein paar Monate zuvor in San Remo hingelegt. Den Audi riss es in Fetzen. Die Trümmer lagen auf 200 Metern verstreut. „Der Ari ist nirgends angeschlagen.“ Röhrl verlor diese Monte gegen Vatanen im Peugeot, was dem Finnen heute noch unangenehm ist: „Musst du mich auf diese eine Rallye ansprechen, wo ich mal vor dem Walter gelandet bin?“, fragte er zwei Jahre zuvor bei der Siegerehrung der Histo-Monte.

Kurzer Boxenstopp, Zeitkontrolle in Le Mas. Die Ansiedlung an der D10, einer der einsamsten Straßen Frankreichs, zählt 50 Häuschen, einen hübschen Brunnen, ein Café und einen Bürgermeister, der freundlich fragt: „Einen Kaffee?“ Röhrl trinkt weder Tee noch Kaffee, aber vielleicht ein Stückchen Kuchen, damit ist er immer zu kriegen. Das größte Leckerchen gibt’s eh nach dem Päuschen, und das wissen auch die Schlachtenbummler.

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Dauerregen und Kälte können Röhrl-Fans nichts abhaben

Von allen, bei denen sich rumgesprochen hat, dass der Röhrl im Monster-Quattro die finale Etappe der Histo-Monte fährt, haben sich zwei Dutzend nach Frankreich aufgemacht, die sich nun auf dem schmalsten Stück Straße der Rallye Monte Carlo irgendwie in die überhängende Felswand gedübelt haben, um ihre Handy-Fotos zu schießen, als der Quattro durch die zwei grob gehauenen Tunnel schießt und über die Brücke, unter der sich das so unschuldig smaragdgrün leuchtende Flüsschen Estéron in Millionen Jahren unerbittlich 80 Meter in die Tiefe gefressen hat.

Mach’s noch einmal

Die Brücke, die Schlucht, das schmale Asphaltband mit dem gekräuselten Mäuerchen ist vermutlich das berühmteste Fotomotiv der Monte. „Wenn ihr wollt, fahrt nochmal“, sagt Fahrtleiter und Röhrl-Spezi Peter Göbel, der hinten die Straße gesperrt hat. Wir fahren drei Mal, nicht zuletzt, weil Röhrl auf den Kehren hinauf nach Aiglun die Handbremse entdeckt hat, die es früher im Ur-Quattro wegen des starren Durchtriebs nie gab. Zack, geht der Hebel hoch, und beim Röhrl die Zunge raus, die in Rechtskehren im linken Mundwinkel verharrt, wie bei einem Kind, das zum ersten Mal zehn Bauklötze aufeinanderstapelt. „Da denkst du, du sitzt zuhaus’ und wartest aufs Sterben, und jetzt sitzen wir hier“, sagt der Röhrl und strahlt.

Ein Zivilist kommt im Auto entgegen, der Kopf befiehlt dem Becken, nach links zu rutschen, als ob das beim Entlangtänzeln am steilen Hang rechts irgendetwas ändern würde. „Also Angst hab’ ich keine“, sagt links der Röhrl, und rechts muss der Kopf das alternde Hasenherz ab und zu erinnern: Egal, was da draußen kommt, denk dran, wer hier drin am Steuer sitzt!

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Hinter der Schlucht geht’s hinauf nach Sigale, das sich wie so viele trutzige Dörfer der Seealpen wie ein Edelstein auf den Zacken einer Krone klammert. Hinter einer Rechtskurve führt der Weg durch eine Schlucht, die einst Riesen oder Götter mit einer Axt in den Berg geschlagen haben. Neben den kühn an Abgründe geklebten Sträßchen und der fahrerischen Herausforderung liebt Röhrl die Landschaften der Seealpen, die auf der einen Seite so grau und abweisend sein können, auf der anderen von wilder Schönheit; eine Welt, die heute noch zeigt, mit welcher Gewalt einst unser Planet geformt wurde.

Nur eine Höhenkette jenseits der mondänen Côte d’Azur, mit deren Chichi er nie was anfangen konnte, wo er unter größten Schmerzen 200 Mark für ein Paar schicke Schuhe ausgab, nur für die paar Minuten Siegerehrung. Nur einmal über den Berg, und schon bist du in diesem eigenen Universum, wo Menschen ohne jeden Schnickschnack um ihre Existenz kämpfen, wo sich Häuser an Felsrücken eng aneinander klammern, damit der Mörtel in den tiefen Schatten langer Winter nicht ganz so arg zittert – eine Welt, in der du deine Ruhe hast. Dieses Schluchtengewirr ist schroff und kantig wie sein früherer Charakter und monumental wie seine noch immer hochaufragende Gestalt.

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„Da vorn links geht’s ab zur Prüfung Pont de Miolans“, sagt Röhrl. Es ist seine liebste Eis-Anekdote, obwohl die Geschichte mit einer Klatsche endet. Die Quertraverse rüber nach Saint Auban ist eine seiner Lieblingsprüfungen, weil es für Seealpen-Verhältnisse auf der Route de Pouyols zwischen Collongues und Briançonnet so furchtbar schnell dahingeht, dass sich nur die absolute Elite traute, hier richtig draufzuhalten. Und Röhrl dachte 1982 im Ascona 400, er hätte genau das getan, als an der Zeitkontrolle hinterm Zielstrich plötzlich formatfüllend das Schwesterauto von Jochi Kleint im Spiegel auftauchte. Der Teamkollege war fast eine Minute schneller. „Mensch Jochi, wie hast du denn das gemacht, bei all dem Eis“, fragte Röhrl, und staunt bis heute über die Antwort: „Was für Eis?“, fragt Kleint zurück. „Da ist das in der Minute angetaut, nachdem ich drüber war“, schwört Röhrl.

Hoch und runter

Die zahllosen Pisten, von denen fast jede schon mal eine Monte-Prüfung war, passen gut zum Röhrl. Wie sie sich mühsam hochschrauben und dann wieder abstürzen wie einst seine Launen hinterm Lenkrad. Steil hinunter rollt der Quattro die acht Kehren nach Puget-Théniers. Es ist die Nordwand des Var-Tals, berühmt für blankes Eis. Heute schnürlt nur der Regen über den Asphalt, die Bremsbeläge schreien in schriller Frequenz begeistert: Wir sind jetzt warm. Hier hat vor zwei Wintern Röhrls Freund Ogier in einem letzten verzweifelten Versuch seinem alten Rivalen Loeb auf den letzten Metern zehn Sekunden mitgegeben. Die aktuelle Monte ist erst ein paar Wochen her. „Und, was sagt der Seb?“, fragt Röhrl. „Grämt sich, weil er auf einer Prüfung zu vorsichtig war, aber der Neuville war auch voll im Rausch.“ Röhrl nickt. „Ist schon unglaublich, was die heutzutage aufführen.“

Röhrl wird immer gerühmt für seine vier Monte-Siege, aber er kennt auch die Bitternis der Niederlage zur Genüge. Im Tal der Vésubie zeigt er am Rand eines Kaffs auf einen verödeten Parkplatz: „Da hatten wir Service“ und schon geht die Reise zurück ins Jahr 1979, dem ersten Fahrer-WM-Lauf überhaupt, als alle über das Duell Waldegaard und Darniche redeten, als vor dem Schweden in der letzten Nacht ein dicker Felsklotz auf einer Brücke lag und der Franzose mit Riesenschritten aufholte und am Ende mit sechs Sekunden Vorsprung gewann.

Weniger bekannt ist, dass Röhrl im Fiat 131 kurz vor dem Ziel nur knapp hinter dem Duo lauerte. Die Parkplatzbrache rechts war der letzte Service vor dem Ziel, wo Fiats Techniklegende Giorgio Pianta den Begrenzer ausbauen ließ und Attacke befahl. Röhrl, nach desaströser 1978er-Saison, war dagegen, wollte mal wieder ins Ziel fahren, drohte, er drehe trotzdem nicht über 8.000. Heute kann er drüber lachen: „Nach acht Kilometern flogen die ersten Motorteile auf die Straße“, sagt er und lenkt den Boliden nach rechts hinauf nach La Bollène.

Mag sein, dass der Turini der heilige Berg des Rallyesports ist, besonders gemocht hat ihn Röhrl nicht, denn hier gab’s selten Bestzeiten. „Ich lag ja vor der letzten Nacht oft vorn und musste dann für die anderen den Schneeräumer spielen.“ Heute gibt’s immerhin ein bisschen Schneematsch, Gelegenheit mal wieder zu spielen, das Auto anzustellen und mit Linksbremsen ums Eck zu zirkeln. Der Mann, der immer schwor, die feine, reine Rennlinie sei die Beste, lernte im Quattro, dass manchmal die Brechstange der Weg zum Ziel ist. „Ich kann sicher besser fahren, aber nie mehr schneller“, sagte er nach seinem ersten Quattro-Sieg 1984.

Legendär am Turini ist für Röhrl allenfalls der Blaubeerkuchen von Wirtin Laetitia oben im Hotel Trois Vallées. Überall stehen Schilder, dass der Turini 2024 wieder mal Teil der Tour de France ist. „Zimmer ist schon gebucht“, sagt Radsport-Fan Röhrl, der in jungen Jahren mit Tour-Legende Eddy Merckx trainieren ging.

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Für die Abfahrt übernimmt kurz Kollege Karsten Arndt vom Podcast „Alte Schule“ den rechten Stuhl und hat prompt Pech. Rechts rummst es heftig. Ein runtergeplumpster Steinbrocken hat zwei Reifen gemordet. Der Audi-Service ist schnell zur Stelle, im Heck des Boliden ist nur für ein Ersatzrad Platz. Erinnerungen an 1986 werden wach, als Röhrl nach zwei Plattfüßen jede Chance auf den Sieg in genau jenem S1 E2 verlor, den er heute durch die Berge scheucht.

Audi hatte mehr Leistung

Immerhin sieben Bestzeiten ist er mit der wüstesten Maschine aller Zeiten gefahren. Aber seien wir ehrlich: Wäre der entfesselte Toivonen im Delta S4 zu packen gewesen? „Der Henri konnte schon manchmal schneller fahren als ich, aber ich glaube, der hatte zu wenig Angst“, glaubt Röhrl. Toivonen gewann die Monte und kam keine vier Monate später auf Korsika ums Leben.

Den Mittelmotor-Delta mit Turbo und Kompressor ist Röhrl mal gefahren bei einer Rallyeshow in Italien. Und? „Was waren wir bekloppt bei Audi, zu glauben, dass wir dieses Auto schlagen können.“ Kurz denkt er nach und lässt am Ortsausgang von Sospel hinauf zum Col de Castillon noch mal die Sau raus, als ließe sich am Geschichtsverlauf 1986 noch was ändern. „Aber Leistung hatten wir mehr.“

Nicht die brüllenden fünf Zylinder oder die trotz runtergedrehtem Ladedruck beeindruckende Beschleunigung bringen den Beisitzer ins Schwitzen, sondern die Angst, den wichtigen Abzweig links durch den Tunnel zu verpassen, von wo es auf der Route de Sospel hinuntergeht, zurück an die Küste. Nicht, dass es am Ende heißt: Der Röhrl hat ja nichts verlernt, aber wer war denn der Blinde daneben?

Eigentlich war dem Röhrl nach der Nacht der langen Messer das Runterrollen in den anbrechenden Tag am Meer immer die liebste Passage. Die Sonne, die Palmen, die gedemütigten Kollegen. Heute nix Azurblau, sondern noch immer dunkelgrau. Am Hafen ist nicht großer Bahnhof, sondern Sturm angesagt. Also die Direttissima zurück zum Hotel nach Cannes, wo der Quattro ohne den kleinsten Navigationsfehler ankommt (Danke an das Google-Navi!). Röhrl posiert mit den einlaufenden Histo-Monte-Teams vor dem Foyer für Fotos, schreibt geduldig Autogramme und dreht sich plötzlich nach dem nassesten Monte-Tag seines Lebens um: „Schau mal, die Sonne kommt raus.“

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Florian und Michael aus dem schwäbischen Horb sind mit sonnigen Gemütern im Morgengrauen in Stuttgart ins Flugzeug gestiegen und mit einem Mietwagen nach Aiglun gedüst, um Röhrl zu sehen und zu grüßen. Sie haben ein Transparent dabei, bestimmt zwei mal drei Meter groß, eine Schwarzweiß-Kollage von Röhrl nach seinen vier Monte-Siegen, jetzt wollen sie natürlich schwarz auf weiß noch ein Autogramm. „Das würde meiner Frau gefallen“, sagt Röhrl mit Blick auf das Jubelsammelsurium. Und, was würde die Monika sagen? „Die würde sagen: Guck mal, du kannst ja sogar lachen.“

TEXT Markus Stier für WALTER #20
FOTOS Hardy Mutschler

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