Der Schweiß tropft ihm von der Nase, die Waden pochen. Wenn Nils Politt in die Pedale tritt, dann glüht die Kette: Der Mann hat die Power eines Elefanten und die Geschwindigkeit eines Gepards. Mit dieser unschlagbaren Kombination ist er derzeit einer der besten Radrennfahrer Deutschlands.
Einen Termin mit Nils Politt für eine gemeinsame Ausfahrt zu finden, gestaltet sich nicht ganz einfach. Der Mann ist begehrt. Wintertraining auf Mallorca, Vorbereitung, Frühjahrsklassiker. Nils ist ständig unterwegs, rund 220 Tage im Jahr. Aber Beharrlichkeit zahlt sich aus. Und so verabreden wir uns Mitte Februar zu einer kleinen Ausfahrt rund um Köln: Auf dem Rad und in einem McLaren Artura Spider. Denn wir wissen schon vorab: Nils hat eine Schwäche für Geschwindigkeit. Und schnelle Autos.
Lange Beine und viel Power
Wir treffen uns in Hürth bei Köln, unweit seines Zuhauses. Viele Radwege, noch mehr Landstraßen und fast keine Ampeln. Sein Trainingsrevier. „Auch wenn es hier flach ist, lässt sich die Gegend Richtung Bonn, Eifel oder Ardennen gut mit dem Rennrad trainieren“, erklärt der 31-Jährige.
Nils steigt jeden Tag aufs Rad. Wenn es gar nicht geht, trainiert er Indoor auf der Rolle. „Aber das ist ein mentaler Break, das macht mich kaputt, ich muss draußen fahren“, sagt die Kämpfernatur. Nur alle zehn Tage hat er einen trainingsfreien Tag – und fährt dann nur eine „kurze, entspannte Kaffeerunde“. Was ein Rennradfahrer halt mit kurz und entspannt meint. So kommen im Jahr rund 34.000 Kilometer zusammen!
Seit 2016 arbeitet Nils als Profi, seit 2024 für das UAE-Team Emirates. Im Team fahren 29 Fahrer in drei Mannschaften, dazu kommen 100 Betreuer. Pro Rennen tritt ein Team mit sieben oder acht Fahrern an. Der Kölner unterstützt Toursieger und Superstar Tadej Pogačar bei der Tour de France maßgeblich, steht 2024 als Sieger der Mannschaftswertung mit auf dem Podest. Die für die Rennstrecke jeweils stärkste Mannschaft setzt der sportliche Leiter zusammen. Klingt ein wenig nach dem guten alten Rallyesport, oder?
Überhaupt gibt es Parallelen zum Motorsport: „Radrennsport und Training sind in den vergangenen Jahren deutlich professioneller geworden“, sagt Nils. Wie im Motorsport wird alles technischer, digitaler und umfassender. Zu den Leistungsdaten auf dem Rad zählen längst alle Daten rund um Ernährung und Schlaf. Über eine App zeichnet Nils seine Fahrleistung im Training auf, leitet sie an seinen Trainer weiter. Der analysiert das Ergebnis und passt den Trainingsplan für die maximale Power und Ausdauer an – vergleichbar mit einem neuen Set-up für die Bordelektronik.
Vor allem im Winter und Frühjahr sind Detailverbesserungen für Nils Politt wichtig, um noch stärker in die Saison zu starten. Ruhe findet der Profi daher derzeit in einem Höhenzelt – auf simulierten 3.000 Metern, als Vorbereitung auf sein nächstes Rennen, die Volta ao Algarve. Feintuning am Körper ist alles. Danach folgen die Klassiker wie das Rad-Opening in Belgien mit der Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix-Challenge, Paris-Nizza und Mailand-San Remo. Ein strammes Programm.
Wir halten an einem Cafè, trinken einen Cappuccino und plaudern weiter über Rennräder, Training, Sport und Autos. Sein erstes Auto war ein VW Golf III, kompakt und praktisch, wenn auch nicht sportlich. Es folgten Škoda Octavia RS, Audi Q7 und nun ein Audi RS4. Für den Familienausflug steht noch eine V-Klasse vorm Haus. „Ein reinrassiger Sportwagen wie der McLaren Artura Spider ist toll, für mich aber unpraktisch. Mein Rennrad muss immer mit“, erklärt Nils.
Wir verstehen. Aber wenn das Platzproblem keines wäre, was dann? „Ich bin Zeitfahrer. Ich liebe Geschwindigkeit, auf dem Rad wie im Auto. Und lieber in der Ebene als in den Bergen“, grinst Nils. Fürs Bergfahren sei er zu schwer. Er meint 80 Kilogramm bei 1,92 Meter Körpergröße. Nun ja. Soll er mal seinen schweren Körper unter die Dusche schwingen und sich für den McLaren bereit machen. Zeit für den Schlüsselwechsel.
Mit seinem 3,0-Liter-V6-Twinturbo mit 605 PS und einem E-Antrieb mit 95 PS zählt der McLaren Artura Spider zu den besonders sportlichen Cabrios. Wenn der Verbrenner erwacht, kitzelt er schön die Nackenhaare und massiert parallel die Ohrmuschel. Für die zügige Anfahrt sorgen in der britischen Flunder 720 Newtonmeter Drehmoment. Sollte reichen. Zumindest für den Sprint von 0 auf 100 km/h in 3 Sekunden und 330 km/h Topspeed. Der Wahnsinn. Allerdings auch der Preis von rund 275.000 Euro.
Passend zur extremen Aerodynamik des McLaren Artura Spider hat jetzt Nils’ Rad-Ausrüster Colnago eine besondere giftige Aero-Schleuder auf den Markt gebracht. Mit dem neuen Y1RS bauen die Italiener ein echtes Aero-Rad, als Ergänzung zum Racing-Allrounder V4RS, das Nils derzeit fährt. Bei 50 km/h soll das Y1RS bis zu 20 Watt Energie einsparen. Im Rennsport ist das eine echte Ansage. Kostet allerdings auch mindestens 12.300 Euro.
Wir fahren weiter im McLaren von Hürth über die Landstraße, Richtung Eifel. Nils probiert die verschiedenen Fahrprogramme des McLaren aus, ist vom Anzug und der Power begeistert. Bei Comfort wechselt der Antrieb zwischen Verbrenner und Elektromotor, bei Sport bleibt der V6-Biturbo aktiv – mit seinem besonderen Sound. Genau das richtige Programm für Nils, ebenso wie das direkte Ansprechverhalten, die straffe Federung und die direkte Lenkung. Dazu kommt die immense Leistung: 700 PS seien dank der Regelsysteme noch handelbar – alles, was darüber hinausgeht, gehöre aber auf die Rennstrecke. Viel wichtiger sei aber das Gefühl: „Du musst eins sein mit dem Auto, das Auto führen. Und nicht umgekehrt. Das ist beim Rennrad identisch“, sagt der Profi. Er muss es wissen.
Rennradprofi als Traumjob
Zum Rennrad kommt Nils über seine Eltern und seinen Großvater, die alle radsportverrückt sind. „Mit acht Jahren war für mich klar, dass ich Profi werden will. Dass ich diesen Traum leben darf, ist der Wahnsinn, mein absoluter Traumjob“, schwärmt Nils. Als Kind fährt er bei RV Komet Delia Köln, fährt mit vier sein erstes Rennen – und leckt Blut. 2015 unterschreibt er seinen ersten Profi-Vertrag, reist seitdem viel durch die Welt. Nils gilt als schnell, extrem ausdauernd und tempofest. Ergebnis jahrelangen Trainings.
„Klar musst du hart trainieren und mit Qualen umgehen können. Qualen gehören dazu. Aber du musst auch selbstbewusst genug sein, auch mit nicht so guten Tagen klarzukommen“, erklärt der Profi. Es gebe Tage, die der Kopf einfach wegstecken muss. „Da hilft nur kämpfen, den Blick nach vorne richten, sich stark fokussieren und nicht viel nachdenken. Der Fokus muss bei dir und deinem Körper liegen, um die bestmögliche Performance auf dem Rad abzuliefern“, sagt er. Sein Credo: Wenn der Kopf frei ist, dann sind auch die Beine frei.
Doch auch das Equipment muss stimmen, wie beim Motorsport. Neben dem Hightech-Equipment wie Carbon, Leichtbau-Teile und 30-Millimeter-Rennreifen von Conti zählt dazu auch das Team und die Kommunikation untereinander. „Ohne Taktik und Team bist du nichts. Du kannst kein Rennen ohne Taktik und Team gewinnen“, sagt er. Über Funk sprechen die Fahrer untereinander, fragen die Fitness ab, erhalten Hinweise zur Strecke und Anweisungen vom Teamchef. Anders als im Motorsport hat Nils Zugriff auf mehrere identische Fahrzeuge. Vier seiner Colnago-V4RS-Räder stehen beim Team und werden zu den Rennen geliefert, dazu kommen Zeiträder, ein paar Trainingsräder stehen in seiner Garage in Hürth. „Alle Räder sind gleich und fahren sich identisch, daher habe ich kein Lieblingsrad“, sagt Nils.
So gerne der dreifache Familienvater auch zu Hause im Rheinland verweilt und dort trainiert. Die schönsten Touren führen für den Profi durch die Alpen. „Sehr anstrengend, aber fantastisch zu fahren, wie die Serpentinen des 29 Kilometer langen Col du Galibier bis auf 2.646 Meter Höhe. Da wird die Luft schon dünn“, sagt Nils. Auch die Strecken rund um den 2.715 Meter hohen Col de la Bonette mit seiner Mondlandschaft begeistern den Profi, genauso wie der Alpe d’Huez mit seinen vielen Zuschauern bei der Tour.
Radsportfans lieben Nils seit Jahren. Und das nicht nur wegen seiner außerordentlichen Leistung, sondern auch wegen seiner rheinischen Frohnatur. Nils sieht sich als Fahrer, der die Mannschaft zusammenhält, der Stimmung ins Team reinbringt. „Ich bin kein Mensch, der schlechte Laune mag. Für mich gehört eine gute Atmosphäre im Team unbedingt dazu, um Erfolg zu haben“, erklärt er.
Ein Problem damit, neben dem Superstar Tadej Pogačar als „Edelhelfer“ zu fahren, hat er nicht. Im Gegenteil. „Klar hätte ich gerne seine unfassbaren Beine, aber auch mit meinen Beinen macht es extrem viel Spaß, mit ihm zu fahren. Tadej ist ein toller Typ. Ich bin mit meinem Job mehr als zufrieden und habe schon viel erreicht“, lacht Nils. Damit meint er den Gewinn der Deutschland-Tour 2021, der Deutschen Meisterschaft im Straßenrennen 2022 und der Deutschen Meisterschaft im Einzelzeitfahren 2023 und 2024. „Der Sieg der 12. Etappe bei der Tour de France 2021 steht aber über allem. Damit ist ein Traum in Erfüllung gegangen“, sagt Nils. Die Tour sei das Größte.
Einmal kommt er an seine Grenze. 2018, bei einer extremen Tour-Etappe, war sein Körper komplett leer, Hungerast, keine Power mehr. „Da habe ich mir das erste Mal gedacht: Was tust du dir an. Aber es wäre eine extreme Enttäuschung für mich und meine Familie, wenn ich aus der Tour ausgestiegen wäre. Also musste ich es schaffen und habe alles rausgeholt“, erinnert sich der Radrennfahrer.
Mehr Strapazen geht nicht
Für 2025 hat sich Nils wieder einiges vorgenommen. „Fürs Frühjahr gebe ich alles, dann habe ich ein kurzes Stück zum Verschnaufen und dann geht es mit der Tour de France im Juli weiter“, erklärt Nils. Drei Wochen Hardcore. 3.320 Kilometer Länge, 51.550 Höhenmeter, aufgeteilt in 21 Etappen. Mehr Strapazen geht nicht. „Klar kommen irgendwann die Wehwehchen, aber darauf bin ich vorbereitet und muss da durch. Ich bin mental sehr stark und kann viele Sachen einfach weglegen. Aufgeben ist keine Alternative“, lacht Nils.
Zudem unterstützt ihn während der Tour ein großes Betreuer-Team. „Ich muss nur fahren“, sagt er. Nur ist gut. Während eines Rennens sitzt er drei bis fünf Stunden im Sattel, pflegt danach seinen Körper. Bis zu 6.000 Kalorien verbrennt sein Hochleistungskörper alleine an einem Trainingstag.
Sportlich hat der 31-Jährige noch einiges vor. Mit Paris-Roubaix hat er noch eine Rechnung offen, 2019 wurde er dort Zweiter. „Darauf fokussiere ich mich diese Saison. Und natürlich die Tour“, sagt er. Und der McLaren Artura Spider? „Für so einen edlen Flitzer benötigst du Zeit und Platz. Habe ich leider beides nicht“, lacht er. In seiner Garage stehen in den nächsten paar Jahren vor allem nur Rennräder.
Zur Person
Nils Politt zählt derzeit zum besten deutschen Radrennfahrer. Geboren im März 1994 in Köln, fängt er schon als Kleinkind mit dem Radfahren an. Mit vier Jahren bestreitet er sein erstes Rennen, mit acht Jahren will er Profi werden. 2011 wird er Deutscher Junior Meister in der Mannschaftsverfolgung, ein Jahr später im Zweier-Mannschaftsfahren, 2014 im Einzelzeitfahren und 2015 beim Straßenrennen. Nach der Schule absolviert Nils eine Ausbildung zum Speditionskaufmann, fährt ab 2013 beim Team Stölting. 2015 unterschreibt er seinen ersten Profivertrag beim Team Katusha Alpecin, wird 2019 Zweiter bei Paris-Roubaix. 2020 wechselt er ins Israel Start-up Nation, 2021 zum Bora-Hansgrohe. Seinen bisher größten Erfolg feiert der Kölner 2021 mit einem Sieg bei der 12. Etappe der Tour de France. Im selben Jahr gewinnt er die Deutschland Tour. Seit 2024 fährt der Profi für das UAE Team Emirates. Nils ist seit 2023 amtierender Deutscher Meister im Einzelzeitfahren. Der Vater von drei Kindern wohnt mit seiner Familie in Hürth bei Köln.
Technische Daten McLaren
Verbrenner Otto-V6-Biturbo, 2.993 ccm, E-Maschine Axial-Flux-Motor, 700 PS Systemleistung, 720 Nm System-Drehmoment; Akku 7,4 kWh; Achtgang-Doppelkupplung SSG, Hinterrad; Länge x Breite x Höhe 4.539 x 2.080 x 1.193 mm, Leergewicht 1.560 kg; 0–100 3,0 s, Vmax 330 km/h; Verbrauch (WLTP) 4,8 Liter/100 km; Grundpreis 275.000 Euro
TEXT und FOTOS Fabian Hoberg