Im Golf GTI zur härtesten Oldtimer-Rally der Welt.

Gegen sie ist die Mille Miglia nur eine ambitioniertere Kaffeefahrt: Bei kaum einer anderen Oldtimer-Rallye werden Fahrer und Fahrzeuge so gnadenlos gefordert wie bei der LeJog, einmal quer durch Großbritannien – von einem Ende der Welt zum anderen. Genau das richtige für einen so sportlichen Oldtimer wie den Golf GTI.

Eigentlich ist der Name hier Programm: Wer mit dem Auto nach Land’s End kommt, für den geht es allenfalls noch mit dem Boot weiter. Oder im Rückwärtsgang. Doch bei der LeJog imarkiert selbst das Ende der Welt nur den Anfang. Denn hier, am südwestlichen Zipfel Englands, beginnt mitten im Winter eine Rallye, wie sie wohl nur die Briten erfinden konnten: Knapp 80 Oldtimer schicken die notorisch schmerzfreien Organisatoren von Hero-Era binnen vier Tagen kreuz und quer durchs Königreich bis hinauf nach John O’Groats in Schottland, wo ein schmales Sträßchen den Atlantik küsst und die Welt dann wirklich aufhört. Dazwischen liegen mehr als 2.500 Kilometer, bevorzugt auf den kleinsten, fiesesten Linien, die eine Landkarte hergibt – bei Wind und Wetter, meist in der Nacht. Denn richtig hell wird es hier oben zu dieser Jahreszeit ohnehin nur für ein paar Stunden.

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Tag und Nacht verschwimmen spätestens am letzten Morgen nach einer Etappe, die bereits 20 Stunden alt ist. Während in den schottischen Highlands selbst die Schafe noch friedlich dösen, prügeln wir einen VW Golf GTI aus dem Jahr 1984 wie in Trance über Schotter, Laub und das, was zwischen den Schlaglöchern noch von der Straße übrig ist. Ein GTI – ausgerechnet. Der Breitensportler, der Revoluzzer, der Wolf im Schafspelz. Und nun Endgegner auf einer der härtesten Oldtimer-Rallyes der Welt. Irgendwie versuchen wir, das Roadbook – gegen das der Diercke Weltatlas wie ein Leporello wirkt – mit der Realität in Einklang zu bringen. 

„Rechts, links, geradeaus, am nächsten Zaunpfahl abbiegen“, brüllt der Beifahrer gegen das Dröhnen des Motors an, während die Scheinwerferkegel im Starkregen verschwimmen. Orientierung bieten hier nur wenige Landmarken, und so geht das jetzt seit vier Tagen und drei Roadbook-Bänden fast ohne Pause. Die paar Minuten Schlaf auf dem Teppich einer geschlossenen Hotelbar beim Coffee-Stopp um zwei Uhr morgens haben eher geschadet als geholfen. Willkommen bei der LeJog, der vermutlich härtesten Oldtimer-Rallye der Welt. Selbst Mille-Miglia-Veteranen sprechen hier ehrfürchtig von einer anderen Liga.

Das liegt nicht nur an der Streckenführung, die konsequent jeden halbwegs vernünftigen Asphalt meidet und die Klassiker-Karawane regelmäßig ins straßenbauliche Mittelalter zurückwirft. Engstellen zwischen Bruchsteinmauern verlieren ihren pittoresken Rosamunde-Pilcher Charme schlagartig, wenn man sie nicht im Sommerurlaub, sondern im Winter im Rallye-Modus erlebt. Dazu kommen ungesicherte Feldwege entlang steiler Klippen, Pisten durchs Moor und Waldpfade, so düster wie bei einem nächtlichen Schulausflug nach Hogwarts.

Und als wäre das alles noch nicht genug, haben die Veranstalter zwei Dutzend Prüfungen und zahllose Gleichmäßigkeitsfahrten in den Kurs eingebaut. Die Tests sind dabei fast noch das Harmloseste: Möglichst schnell durch einen Hindernisparcours, das liegt dem Oldtimer noch heute. Erstaunlich beherzt schießt der GTI durch die eng gesteckten Hütchengassen auf Parkplätzen, Bauernhöfen oder Truppenübungsplätzen. Manchmal sogar nachts, stockfinster, auf spiegelglatter Piste – denn bei der LeJog gilt: Wenn es besonders unerquicklich ist, dann ist es genau richtig.

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Und für keinen gilt das so trefflich wie für das Auto mit der Startnummer 45. Handlich, für heute Verhältnisse ein Federgewicht von nicht einmal 900 Kilo, bärige 112 PS stark und handgerissen – das reicht bisweilen sogar für den Goldstandard, den die Veranstalter gerne mit einem Porsche 911 definieren. 

Der GTI hat zwei seine Jungfernfahrt noch im Geheimen als Pacecar auf dem Nürburgring gemacht, war aber nie als Rennwagen gedacht. Sondern als er 1976 wie Kai aus der Kiste kam, wollte er ein Breitensportler sein. Schnell und frech, aber alltagstauglich und zumindest halbwegs bezahlbar. 13.850 Mark haben die Niedersachsen damals verlangt, anderthalbmal so viel wie fürs Einstiegsmodell aber nur ein Drittel eines Porsche 911 – so wurde er zum Sportabzeichen einer ganzen Generation. Selbst heute heftet man sich die drei Buchstaben noch gerne ans Heck, wenn man was auf sich hält. 

Theoretisch wären 182 km/h drin und der schwarze Veteran lässt keinen Zweifel daran, dass er dieses Tempo noch lässig bringen würde. Praktisch aber zählt hier etwas anderes: Durchzug, Übersicht, Zuverlässigkeit. Und da zeigt der GTI, warum er einst zur Ikone wurde. Während stärkere Autos auf den wenigen Überführungsstücken Zeitreserven herausfahren und dann bei der nächsten Prüfung versagen, hält der Golf stoisch sein Tempo und bleibt eisern im Plan. Bis ihm ein kaputtes Radlager die Tour versaut.

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Doch aufgeben gilt nicht, und immerhin lässt sich das auf einem Parkplatz reparieren, und mit hängender Zunge kommt Nummer 45 doch noch ins Zwischenziel.  Nur statt ans Buffet geht es dann halt gleich ans neue Roadbook – was angesichts der englischen Küche kein allzu großes Opfer ist.

Das Roadbook selbst ist ein sadistisches Meisterwerk: dick wie ein Telefonbuch, liederlich geheftet und weniger Anleitung als Rätsel. Statt einer festen Route gibt es Hinweise, Koordinaten, Verbote und Aufgaben. Millimetermaß, Lupe, Stoppuhr – der Navigator wird zum Pfadfinder wider Willen. Wer falsch kombiniert, landet in Sackgassen, und nicht selten kreisen nachts um zwei Uhr dutzende Autos im Nebel um Loch Ness und rauben Nessie den Schlaf.

Doch wenn die Straßen schmal und der Untergrund schmierig wird, wächst der Respekt der Konkurrenz. Zwischen Porsche 911 und BMW Dreiern wirkt der Golf zunächst wie der brave Schüler. Doch je weiter es nach Norden geht, desto häufiger machen die anderen freiwillig Platz. Der GTI darf seinen Schwung mitnehmen – und wir verzichten endgültig auf Schlaf und Essen. Adrenalin ist ohnehin reichlich vorhanden.

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Den Autos, allesamt über 30 Jahre alt, wird hier mehr zugemutet als manchem Neuwagen. Matsch, Modder, Wasserdurchfahrten – Hochglanz ist fehl am Platz. Und doch sind die Fahrzeuge technisch in Topform. Wer hier nicht perfekt vorbereitet ist, hat keine Chance.

Auch der Golf zickt bisweilen, hält aber tapfer durch und schafft es bis Schottland, kommt heil durch Cornwall, durch die Nächte von Wales, die Geisterstunden in den Cairngorms. Als der letzte Tag anbricht, sind es noch ein paar Stunden bis John O’Groats, ein letztes englisches Frühstück, eine letzte Prüfung. Dann wird die Strecke einfach. Zum Ende der Welt führt nur eine Straße. Selbst die Rallye-Leitung kann sich hier nichts Gemeineres mehr einfallen lassen. Oder vielleicht doch?

Als der Golf GTI schließlich durchs Ziel rollt, interessiert das Ergebnis niemanden mehr. Dudelsäcke klingen wie himmlische Fanfaren, das Roadbook wird zugeklappt. Wer hier ankommt, ist ein Gewinner – erst recht als Rookie. Dumm nur, sagen die Veteranen, dass es dabei nicht bleibt. Denn wer einmal angekommen ist, der kommt wieder. Noch während Fahrer und Beifahrer ein Lebenszeichen nach Hause schicken und dem VW-Museum vom Überleben des Jubilars berichten, wandert der Blick schon in den Kalender. Nächstes Jahr, gleicher Wahnsinn. Dann werden wir sehen, wo die Welt wirklich endet.

TEXT Thomas Geiger
FOTOS Stuart Price

LESENSWERT.

WALTER Magazin.