Vier-Kuppen-Tournee. Flieger, grüßt uns die Sonne.
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Die Vierschanzen-Tournee begleitet Skisprung-Fans durch den Jahreswechsel. Sport ohne Räder? Hmm. Geht so. Mit Autos geht das noch besser. Das ganze Jahr. Auf der ganzen Welt. Mit jeder Menge Spektakel. Vorhang auf für die Luftfahrtkapitäne!

Die Legende von Colin’s Crest beginnt mit Superstar Colin McRae. Der nahm die unscheinbare Kuppe im Jahr 1995 mit gewohntem Wagemut. Weil es dem Sprung vielleicht etwas an Weite, aber auf keinen Fall an Quere fehlte, war die Landung entsprechend spektakulär.

Fans schwärmen noch heute von einem derart extravaganten Hin- und Herreißen des auf der Flucht befindlichen Subarus, dass ab sofort nur noch von ‚Colins Kuppe‘ gesprochen wurde. Ehrfurchtsvoll.

Mittlerweile ist aus dem Geheimtipp ein echter Publikumsmagnet geworden. Jährlich strömen über 10.000 Fans dorthin und wer in Reihe 75 steht, kann das springende Rallyeauto maximal erahnen. Trotzdem herrscht Party. Und was für eine. Der Veranstalter hat verstanden, das Maximum aus diesem Fleckchen Värmland herauszuholen. Auf der einen Seite die extra aufgebauten VIP-Zelte (beheizt), auf der anderen das johlende Volk, das – ausgerüstet mit genügend Jägermeister – gefälligst für genügend Unterhaltung der Sponsoren sorgen soll. Man kennt das aus den Fußballstadien.

In diesem Jahr setzte Ex-McRae-Schützling Kris Meeke den weitesten Satz. Erst bei 41 Metern berührte sein Toyota Yaris WRC wieder den Boden. Es geht durchaus noch weiter. Zwei Jahre zuvor flog Mads Östberg im Ford Fiesta WRC 44 Meter weit. Rekordhalter ist sein norwegischer Landsmann Eyvind Brynildsen. Er schaffte 45 Meter. Im kleineren R5-Auto wohlgemerkt. Die dicken Flügel der World Rally Cars sehen zwar imposant aus, drücken die fliegende Kiste aber auch nach unten. Die jeweilige Absprunggeschwindigkeit liegt übrigens irgendwo zwischen 145 und 150 km/h.

Sagenumwoben ist auch die zweite Station unserer Vier-Kuppen-Tournee. Es geht ins portugiesische Fafe, wo Armin Schwarz im Jahr 2000 mit seinem Skoda Octavia WRC unglaubliche 73,5 Meter weitgeflogen sein soll – bei einer Absprunggeschwindigkeit von 180 km/h. „Mit Toyota haben wir dort sehr oft getestet und über die Kuppe bin ich vielleicht 100 Mal gedonnert. Ich wusste also, was dort geht“, so Schwarz.

Dennoch blieben Zweifel, denn die Streckenführung gibt diese Weite nicht her. Dort wo der tollkühne Schwarz zusammen mit seinem furchtlosen Beifahrer Manfred Hiemer gelandet sein soll, beginnt bereits die nachfolgende Rechtskurve. Seitdem man auch in Portugal Weitenschilder aufstellt, sieht man die besten Springer bei knapp 50 Meter landen. Der Legende von Armin Schwarz und Fafe tut das jedoch keinerlei Abbruch.

Auch der Sprung von Markko Märtin hat sich tief ins Gedächtnis der Rallye-Gemeinde eingebrannt. Mit einer Vielzahl von Kuppen ‚Ouninpohja‘ zählt zu den gefürchtetsten Wertungsprüfungen der Weltmeisterschaft und beim Sprung am Gelben Haus trennt sich die Spreu auch noch von den Spreuchen. Im Jahr 2003 blieb Märtin tapfer auf dem Gaspedal seines Ford Focus WRC, hob mit 171 km/h ab und wuchtete sich aus den Federn wie Raubtier beim Beutesprung. Schön gerade lag er in der Luft, für einen Moment sprotzelte der Motor und leise vor sich hin. Es war, als würde auch er wie die Menschen den Atem anhalten. Fast perfekt auf allen vier Rädern landete er 57 Meter weiter und verschwand hinter einem Grünschleier aus dem Bild.

Der Focus WRC lag dabei auffällig stabil in der Luft und die glänzende Figur bei der Landung machte der Ford dank seines riesigen Federweges. Der bringt nicht nur Komfort, sondern auch Zeit. Die Räder halten besser Bodenkontakt und können so längere Zeit Kraft übertragen, denn (Achtung: Binsenweisheit!) Wasser hat nicht nur keine Balken, Luft hat extrem wenig Grip.

Was hat Newton mit der Fluglage zu tun?

Immerhin kann der Fahrer die Fluglage seines Gefährts sehr wohl bestimmen. Die meisten bremsen vor der Kuppe leicht, um das Auto vorn in die Federn zu drücken. „Da geht das Auto kurz in die Feder, und der Absprung verläuft flacher“, weiß Haudegen Armin Schwarz. Mancher gibt dennoch unmittelbar am Schanzentisch wieder ein bisschen Gas, um die Nase etwas aufzurichten. Die Gaspedalstellung ist viel bedeutender für einen guten Flug als beispielsweise die Gewichtsverteilung. Gerade Autos, die besonders viel Masse möglichst nah am Schwerpunkt konzentrieren, haben häufig ein schwer zu kontrollierendes Flugverhalten, weil das Trägheitsmoment so gering ist, dass schon ein leichter Impuls an Vorder- oder Hinterachse eine unkontrollierte Reise verursacht.

Ein Seitenruder gibt es in World Rally Cars nicht, aber ein Höhenruder durchaus. In der Luft lässt sich mit Bremsen die Nase senken, mit Gasgeben anheben. Möglich machen das die schnell rotierenden Massen der Räder. Wer’s nicht glaubt schlage bei Newton nach.

Unsere Tournee endet natürlich mit der Rallye Deutschland und ihrer berühmten Sprungkuppe ‚Gina‘. Die bekam den Namen in Anlehnung an italienische Schauspielerin Gina Lollobrigida, die über ähnlich wohlgeformte Proportionen verfügt, wie dieser Abschnitt auf der Panzerplatte. Die inoffizielle Bestmarke ging in diesem Jahr an Esapekka Lappi im Citroën C3 WRC, der 44 Meter weit sprang. Damit blieb der Finne aber noch zwei Meter unter der Bestmarke von 46 Metern, die Ott Tänak 2015 aufstellte.

Und nun zurück zu dünnen Finnen in zu großen Anzügen mit zu langen Skiern.

TEXT Michael Heimrich
FOTOS STi, Skoda, Ford, Red Bull Contentpool

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