Kaufberatung Mercedes SL. Baureihe R 129.

Mercedes hat gerade seinen neuen SL aufgelegt. Mehr AMG als offener Cruiser mit Allradantrieb, acht oder vier Zylindern und jeder Menge Hightech. Damit will das neue Modell an den SL der Generation R 129 anknüpfen, denn dieser setzte Maßstäbe wie keiner vor oder nach ihm.

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Sein Design war neu, anders und irgendwie typisch Daimler aus dieser Zeit. Anders als der R 107, der von 1971 bis 1989 gebaut wurde und das Sternendesign der späten 1960er Jahre bis weit in die 1990er trug, wagte der SL der Baureihe R 129 einen echten Neustart. Er war kantig, üppig und ein echtes Hightechmobil. Vollelektrisches Stoffdach, ausfahrbarer Überrollschutz, Sicherheitssitze, Luxusausstattung mit allem Komfort – eigentlich eine Mercedes S-Klasse mit zwei Türen, zwei Sitzplätzen und einem sich elektrisch öffnendem Stoffdach.

So viel Hightech und der Designsprung gefielen nicht jedem, denn während der 107er-Vorgänger ebenso wie die Pagode sich seit Jahrzehnten damit rühmen kann, Everybodys Darling zu sein, sah das beim Nachfolger lange Zeit durchaus anders aus. Sein Luxus und seine Qualität beeindruckten und machten vielen auch Angst. Mittlerweile ist der 129er auf dem Klassikmarkt begehrter denn je.

Als Mercedes im März 1989 auf dem Genfer Salon die neue SL-Baureihe R129 der Weltöffentlichkeit präsentierte, sollte anschließend in der Cabriowelt nichts mehr so sein wie zuvor. Der mit den Typen 300 SL, 300 SL-24 sowie 500 SL vorgestellte Roadster sorgte nicht nur durch die Tatsache, dass er mit seinen Vorgängern lediglich den Stern gemeinsam hat, sondern vor allem durch die drastische Verbesserung in puncto passiver Sicherheit für offene Münder – und sich öffnende Geldbeutel. Nach zwölf Jahren Produktionszeit rollte im Juli 2001 der letzte R129 vom Band. Und zwar nicht in Sindelfingen, sondern in Bremen. Er war damit der erste SL, der nicht in Sindelfingen gebaut wurde.

Für Aufsehen sorgt jedoch nicht nur das Design, sondern das Konglomerat an Komfort- und Sicherheitsausstattungen – allem voran der automatische Überrollbügel. Erstmals in der Geschichte des Automobilbaus kommt dieses im Normalbetrieb unsichtbare oder auf Wunsch hochklappbare Sicherheitskonzept zum Einsatz. Im Falle eines Überschlags wird der Überrollbügel innerhalb von 0,3 Sekunden sensorgesteuert elektromagnetisch ausgelöst und steigerte somit die Überlebenschance der beiden SL-Insassen.

Der Nachteil immer mehr werdender Sicherheitsmodule im Fahrzeug ist das damit einhergehende anwachsende Fahrzeuggewicht, das auf diese Art und Weise von Generation zu Generation zunimmt. Durch Leichtbau und eine Verringerung des Rohbaugewichts hatte es Mercedes jedoch geschafft, gegenüber dem Vorgängermodell R107 das Gesamtgewicht um schlanke 20 Kilogramm zu übertreffen.

Neben der Weltneuheit des automatischen Überrollbügels gesellen sich noch neu entwickelte Integralsitze hinzu, die mit ihrer hohen Steifigkeit einen erhöhten Schutz bei Seitenaufprall-Unfällen bieten. Gleichzeitig sind die vollelektrischen Sitzverstellfunktionen, das Gurtsystem samt Gurtstraffer sowie die Gurthöhenverstellung in die Sitze integriert worden. Der nach heutigem Standard sehr langsame elektrohydraulische Verdeckmechanismus, der innerhalb von 30 Sekunden für ein echtes Roadstergefühl sorgt, war vor drei Jahrzehnten ein Hingucker.

Eine weitere Neuheit: das erstmals im R129 zum Einsatz kommende Windschott, das den Designer Bruno Sacco seinerzeit zu einer kurzen aber äußerst selbstironischen Bemerkung verleitete: „Und auch ohne fülligen Haarwuchs weiß ich die Wirkung der pfiffigen Idee unserer Ingenieure des Windschotts zu schätzen.“

Doch nicht nur durch die Verbannung störender Verwirbelungen innerhalb des auf 4,47 Meter Länge und 1,81 Meter Breite angewachsenen Fahrzeugs, sondern auch durch ein neues Fahrwerkssystem, setzt sich der neue SL von seinem Vorgänger ab. Das aus drei Teilen bestehende optionale System setzt sich aus einer Niveauregulierung und –einstellung an Vorder- und Hinterachse, einer geschwindigkeitsabhängigen Niveauverstellung und dem adaptiven Dämpfungs-System zusammen. Auf dem Klassikmarkt sollte man um solche Modelle jedoch einen Bogen machen. Das System ist gut, aber ebenso pflege- wie kostenintensiv. Ist es defekt, kostet ein Austausch mitunter mehr als 10.000 Euro. In den ersten Jahren gab es den Mercedes SL der Baureihe R 129 sogar auch mit manueller Handschaltung und Stoffsitzen. Hinterher waren elektrische Ledersitze und eine Fünfstufenautomatik serienmäßig verbaut.

Während seines zwölfjährigen Modellzyklus sorgt eine Umstrukturierung in der Nomenklatur innerhalb des Mercedes-Konzerns kurz für Verwirrung. Schnell erklärt bedeutet dies für den SL, dass die bis zum Juni 1993 produzierten Fahrzeuge das SL hinter der dreistelligen Zahl tragen, alle Nachfolgenden davor. Der Einstiegs-300 SL mit seinem 3,0 Liter großen Sechszylinderbenzinmotor schafft den Sprint bis Tempo 100 mit 9,3 in unter zehn Sekunden. Seine Höchstgeschwindigkeit liegt bei 228 Kilometern pro Stunde.

Bei den Achtzylindermodellen mit der 500 im Namen, ob vor oder hinter dem SL spielt hier keine Rolle, setzt die elektrische Sperre bei Tempo 250 ein – bei den Zwölfzylindern aus der 600er-Reihe natürlich auch. Selbst beim 4,8 Sekunden-Sprinter SL 73 AMG mit dem 7,3 Liter großen Zwölfender unter der langen Motorhaube ist bei 250 Kilometer pro Stunde Schluss. Auf Wunsch des Kunden kann die Begrenzung jedoch aufgehoben werden. Um in den Genuss der 525 PS starken Sperrspitze der SL-Reihe zu kommen, musste zwischen 1999 und 2001 ein 99.180 DM teurer Umbau des 226.432 DM teuren SL 600 in Auftrag gegeben werden.

Insgesamt gab es für die Baureihe R129 zwei große Modellpflegen. Die erste wird im September 1995 auf der IAA in Frankfurt vorgestellt. Leichte Veränderungen am Karosseriedesign, neue Leichtmetallräder und ein Glasdach mit Sonnenrollo zeichnen die erste Überholung aus. Hinzu kommen Scheinwerfer mit Xenonlampen und Veränderungen an Motoren und Getrieben der Acht- und Zwölfzylinderfahrzeuge. Und auch bezüglich der Fahrsicherheit verpasst Mercedes seinem schicken Roadster eine weitere Neuheit, die erst kurz zuvor ihre Weltpremiere im 600 SEC feiert: das Elektronische Fahrstabilitäts-Programm ESP.

Ende April 1998 findet die zweite Modellpflege statt. Die wichtigsten Neuerungen sind die Einführung einer neuen V-Motorengeneration mit acht oder sechs Zylindern und eine leicht modifizierte Heckpartie. Ein Jahr später, im Frühjahr 1999, runden neue AMG-Versionen die Modellpalette nach oben hin ab. Zu den PS-Riesen zählt unter anderem das Topmodell SL 73 AMG. Der Nachfolger des R129 wird 2001 der R230, der mit seinem Klappdach jedoch nicht an den Vorgänger heranreichte. Das merkt man an nichts deutlicher als bei den Preisen auf dem Gebrauchtwagenmarkt. Doch auch diese steigen langsam und stetig an.

Während der R230 in seinen verschiedenen Motorvarianten nach wie vor für überschaubares Geld und Preise von unter 25.000 Euro (mit deutlich steigender Tendenz) zu bekommen ist, sieht das beim Vorgänger ganz anders aus. Besonders begehrt sind die Fahrzeuge der letzten Modellreihe und somit ab dem Modelljahr 1999. Sie bieten Xenonlicht, geänderte Rückleuchten, Schürzen und die modernere Mittelkonsole. Beliebtestes Modell ist der Mercedes 500 SL, dicht gefolgt vom 320 SL, der wieder über einen V6-Motor verfügt und nicht wie zwischenzeitlich einen Reihensechszylinder wie in den frühen 1990er-Modellen.

Gut erhaltene R129er mit kompletter Ausstattung liegen bei über 45.000 Euro. Die 500er kosten bisweilen über 50.000 Euro – gerade limitierte Editionen und Designo-Modelle ohne die bisweilen verbreiteten Fehlfarben. Die 320er mit maximal 150.000 km liegen bei rund 40.000 Euro, während das Topmodell des 600 SL mit dem ebenso schweren wie leistungsstarken V12-Triebwerk mit knapp 400 PS ebenso deutlich weniger nachgefragt werden wie das Einstiegsmodell des 280ers. Die frühen Modelle und gerade die von 1989 bis 1995 sind günstiger und weniger begehrt. Hier kostet ein gut erhaltener Mercedes SL 320 / SL 500 mit unter 150.000 Kilometern zwischen 25.000 und 35.000 Euro.

Wichtiger denn je ist beim Mercedes SL und seiner Beliebtheit auf dem Gebrauchtwagenmarkt die Farbwahl. Unangefochtene Nummer eins ist silberner Außenlack und eine schwarze Innenausstattung. Dahinter folgen die Außenlacke schwarz- und dunkelblaumetallic. Wer ein solches Fahrzeug sucht, sollte darauf Wert legen, dass es nicht durch zahlreiche Hände gegangen, unfallfrei und Scheckheft (offiziell Mercedes) gepflegt ist. Dann steht einer dauerhaften Beziehung mit viel Sonnenschein nichts im Wege, denn die Qualität ist R129 setzte nicht nur zu seiner aktiven Neuwagenzeit Maßstäbe.

TEXT Stefan Grundhoff für WALTER

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